Atomic kündigte mit der Shift MNC nichts geringeres als die „Revolution der Tourenbindungen“ an. Kann die Aussage im PRIME Langzeittest standhalten? Die Antwort darauf gibt es im Artikel.

PRIME Gear: Atomic Shift MNC Tourenbindung (Langzeittest) (2018/2019)

PRIME Gear: Die Atomic Shift Tourenbindung im Langzeittest (2018/2019)
PRIME Gear: Die Atomic Shift Tourenbindung im Langzeittest (2018/2019)

Gegen Ende der letzten Saison (17/18) kündigte Atomic und Salomon über die Social Media-Kanäle Ihrer Athleten mit dem Release der SHIFT MNC Bindung zur Saison 18/19 nichts geringes als die „Revolution der Tourenbindungen“ an.

Kann Atomic das Versprechen einer "Revolution der Tourenbindungen" mit der neuen Shift MCN halten?
Kann Atomic das Versprechen einer „Revolution der Tourenbindungen“ mit der neuen Shift MNC halten?

Kompromissbereit

Bislang musste man sich beim Kauf eines neuen Touren-tauglichen Set-Ups entscheiden, ob man auf die Sicherheit von Rahmenbindungen oder Leichtigkeit von Pin-Bindungen setzt. Rahmenbindungen wie Marker „Duke“, Salomon „Guardian“, Tyrolia „AAAdrenalin“ oder Fritschi „Freeride“ besitzen jeweils Vorder- und Hinterbacken, deren Z-Werte sich individuell anpassen lassen und somit den Safety-Aspekt bei der Abfahrt berücksichtigen. Zudem wird durch den alpinen Hinterbacken und die relativ breiten Montagepunkte eine vergleichsweise hohe Kraftübertragung gewährleistet.

Aus diesem Grund waren diese Bindungen jahrelang die einzige Alternative für Downhill-orientierte Tourengeher. Die solide Konstruktion bringt aber natürlich auch ihre Nachteile mit sich. Durch den Rahmen und Backenkonstruktion, packt diese Gattung einiges mehr an Pfunden auf die Waage. Zudem steht man recht hoch über dem Ski, was sich gegenüber rein alpinen Bindungen in einer negativen Fahrperformance zeigt.

Next Generation

Da klassische Pin-Bindungen mit ihren schmal angelegten Pins an der Ferse gerade bei breiten Skiern mit extrem ungünstigen Hebelverhältnisse kämpfen müssen, sind waren und sind diese Modelle keine zu empfehlende Alternative für Freerider. Die Marker KingPin vereinigte erstmals die Vorzüge beider Gattungen.

Das geringe Gewicht eines Pin Vorderbackens mit der Sicherheit eines alpinen Hinterbackens. Der heilige Gral schien gefunden zu sein. Nicht ganz, denn gerade die Pins und die fehlende Auslösefunktion trübten allzuoft das grenzenlose Glück beim Powder Run.

Zwar war das Problem mit der Kraftübertragung durch den soliden Hinterbacken nun gelöst, doch es schien so, als ob diese Bindung – vor allem die erste Generation – nicht mit allen Boot Brands und deren Pin-Inserts ohne Probleme kompatibel zu sein.

Final Solution

Es musste doch möglich sein, eine Bindung zu konstruieren, die beim Hike über Pins und bei der Abfahrt überalpine Backen den Skischuh in Griff hält. E voilà… mit der Shift wurden beide Welten perfekt miteinander verschmolzen. Die Bindung geht aus einer Kooperation von Salomon und Atomic hervor und wurde über einen Zeitraum von sieben Jahre in enger Zusammenarbeit mit den Teamridern entwickelt. Maßgeblich involviert war Freeride-Veteran Mike Douglas vom Salomon Freeski Team.

Atomic hat uns diese Saison (18/19) eine SHIFT MNC 13 auf einem Bent Chetler 120 zur Verfügung gestellt, um dieses Set-Up eine Saison lang auf Herz und Nieren zu prüfen.

Unser Testski für die Shift MNC: Der Atomic Bent Chetler 120 in einer Länge von 192cm.
Unser Testski für die Shift MNC: Der Atomic Bent Chetler 120 in einer Länge von 192cm.

Tech-Facts

Die Bindung bringt im Paar ca. 1.700g auf die Waage und spielt damit in derselben Liga wie andere High-Performance Tourenbindungen von Marker (Kingpin, ca. 1.460g/Paar)

Ein Paar der Shift MNC Bindung bringt ca. 1.700g auf die Waage.
Ein Paar der Shift MNC Bindung bringt ca. 1.700g auf die Waage.

Vergleicht man sie mit klassischen Alpinbindungen aus dem Freestyle- und Freeridebereich wie der Look Pivot (ca. 2.300g/Paar), Maker Jester (ca. 2.100g/Paar) oder Atomic STH (ca. 2.260g/Paar) kommt die Shift gute 600g pro Paar leichter daher.

In Kombination mit dem relativ leichten Bent Chetler – 1.850 Gramm bei einer Länge von 184cm – kommt man auf ein Gesamtgewicht von 5.400g/Paar. Das sorgt bei Shred-Kollegen, denen man die 192cm langen und 120mm breiten Ski mit montierter SHIFT in die Hand drückt, mitunter für sehr erstaunte Blicke. Zum Vergleich: Ein Park bzw. All-Mountain Setup aus Marker „Jester“ und Armada „ARV 96“ bringt ebenfalls 5.400g auf die Waage.

Die SHIFT besitzt eine Multinormierung (MNC) und ist mit fast allen Schuhen auf dem Markt kompatibel, auch solche mit den neuerdings sehr angesagten Walk-to-Ride Sohlen.

Die kompatiblen Schuhe für die Shift MCN in der Übersicht - Quelle: Atomic Alpine Tech Manual 2018/19
Die kompatiblen Schuhe für die Shift MNC in der Übersicht – Quelle: Atomic Alpine Tech Manual 2018/19

Der Z-Wert schafft es mit einem Maximalwert von 13 nicht in den oberen Bereich von Alpinbindungen, mehr war jedoch laut der Ingenieure einfach nicht drin. Und wenn die 13 Cody Townsed zum Chargen von massiven Cliffs reicht, sollten auch Normalsterbliche damit locker auskommen. Oben drauf gibt es noch eine TÜV Zertifizierung nach den Normen ISO 9462 sowie ISO 13992 – wir sind ja schließlich in Deutschland und nicht nur die Karre, die dich an den Berg bringt, will ordentlich geprüft sein.

Die Bindung bringt im Gehmodus automatisch eine Steighilfe von 2° mit und wenn es mal steiler bergauf geht, kann eine 10° Steighilfe ausgeklappt werden. Wer gerne auf Eis unterwegs ist, kann die Shift auch mit Harscheisen verwenden.

Im Gehmodus bringt die Shift MNC eine Steighilfe mit maximal 10° mit.
Im Gehmodus bringt die Shift MNC eine Steighilfe mit maximal 10° mit.

Zum Abschluss des Nerd-Abschnittes noch eine Erklärung, wo der gravierender Unterschied zwischen der SHIFT und einer Pin-Bindung liegt: Da man bei der SHIFT nicht in den Pins abfährt, hat man sowohl am Vorderbacken als auch am Hinterbacken eine seitliche Elastizität. In diesem „Spielraum“ kann der Skischuh hin und her rutschen, bevor er aus der Bindung flutscht. Diese Elastizität ermöglicht es harte Schläge von beispielsweise nicht perfekt gelandeten Cliffdrops oder unerwarteten Schlägen durch Slush-Hügel auf der Talabfahrt in gewissem Rahmen abzufangen, ohne das die Bindung auslöst.

Bei der SHIFT beträgt diese Elastizität 47mm am Vorderbacken sowie 9mm am Hinterbacken. Entgegen der Erwartung der meisten Skifahrer, steht man nicht so „festgenagelt“ in einer Alpinbindung, sondern bewegt sich durchaus einige Millimeter im Elastizitätsbereich der Bindung. Gerade hier könnte auch das ungewohnte Gefühl begründet sein, von dem so mancher Neuling bei der Nutzung von Pinbindungen berichtet.

Die Shift MNC besitzt eine Elastizität von 47mm am Vorderbacken sowie 9mm am Hinterbacken.
Die Shift MNC besitzt eine Elastizität von 47mm am Vorderbacken sowie 9mm am Hinterbacken.

Handling und Fahrverhalten

Auf den ersten Blick erkennt man nicht unbedingt, wie die SHIFT vom Ride auf den Walk Modus umgebaut wird. Hat man das Prozedere aber ein paar Mal geübt, ist es nur noch eine Sache von ein paar Sekunden.

Nach kurzer Eingewöhnung gelingt der Wechsel zwischen Geh- und Abfahrtsmodus in sehr kurzer Zeit.
Nach kurzer Eingewöhnung gelingt der Wechsel zwischen Geh- und Abfahrtsmodus in sehr kurzer Zeit.

Ist die Bindung einmal umgebaut und der Skischuh eingespannt, läuft es sich mit der SHIFT dank 90° Bewegungsfreiheit wie mit jeder anderen Pinbindung auch. Einziger Kritikpunkt ist der Stopper, den man manchmal bei ruckartiger Berührung mit dem anderen Ski aus der Arretierung löst, wenn man zu schmalspurig unterwegs ist. Ist man am Gipfel angekommen und die Bindung zurückgebaut, kann der Spaß beginnen und die SHIFT zeigt ihre wahre Stärke bei der Abfahrt.

Auch wenn diese Saison mit sehr viel Schnee gesegnet war, haben wir die Bindung in allen Bedingungen gefahren. Egal ob 30cm Freshies, zerkurvtes Gelände, Buckelpiste oder Talabfahrt – die SHIFT tut was sie soll und würde man nicht nach unten schauen, man würde den Unterschied zu einer Jester, Pivot oder STH nicht merken.

Von tiefem Powder bis zum Park machte diese Kombination extrem viel Spaß und bereitete keinerlei Probleme: Die Shift MNC auf einem Atomic Bent Chetler 120 (192cm).
Von tiefem Powder bis zum Park machte diese Kombination extrem viel Spaß und bereitete keinerlei Probleme: Die Shift MNC auf einem Atomic Bent Chetler 120 (192cm).

Selbst bei einer Medium Kickerline wie im Kaunertal diesen Frühling, muss man sich mit der SHIFT keine Gedanke um Fehlauslösungen machen.

Fazit

Zugegeben die SHIFT ist mit ca. 400€ Anschaffungspreis nicht unbedingt ein Schnäppchen, aber unserer Meinung nach jeden Cent wert. Gerade abfahrtsorientierte Freerider, die nicht nur um die Felsen herumwedeln und Zöpfe flechten, sind mit der SHIFT bestens bedient. In Kombination mit einem Ski wie dem Bent Chetler hat man ein Setup das vermutlich nur schwer zu übertreffen ist.

Wer nur gemächlich durch den Tiefschnee kurvt, für den ist die Abfahrtsperformance einer gewöhnlichen Pinbindung wohl ausreichend und wer die Alpen auf Ski überqueren möchte, greift dann auch eher zur maximal leichten Pinbindung – beide Zielgruppen sind aber vermutlich nicht die Skifahrer, auf die Atomic mit der SHIFT abzielt.

Abschließend lässt sich somit sagen, Atomic  (und auch Salomon) ist es mit der SHIFT tatsächlich erstmals gelungen, den Spagat zwischen gewohnter alpiner Abfahrtsperformance und der Touren-Effizienz einer Pinbindung beim Aufstieg zu meistern.

Das Versprechen wurde gehalten.

Die neue Shift MNC Tourebindung im Praxiseinsatz - Foto: Timm Feix
Die neue Shift MNC Tourebindung im Praxiseinsatz – Foto: Timm Feix