Die Türkei steht aktuell nicht gerade auf der Liste der Orte, die wir als sicherheitsbewusste und freiheitsliebende Europäer bereisen wollen – und schon gar nicht die Regionen abseits der üblichen Touristenrouten. Dass es jedoch lohnt, sich über vorherrschende Meinungen hinwegzusetzen und ein Abenteuer einzugehen, beweisen Tof Henry, Chad Sayers und Fotograf Daniel Rönnbäck mit ihrem Powder-Trip nach Kappadokien.

Ankunft

Als wir auf den Parkplatz einbogen, eröffnete sich uns ein pittoresker Anblick. Die Moschee mit ihren blauen Kuppeln schien neben dem benachbarten ultramodernen Komplex einer anderen Zeit entsprungen zu sein. Alles war ruhig um fünf Uhr morgens. Noch, denn gleich würden die ­Muezzins von ihren Minaretten zum Morgengebet rufen. Wir hatten aber noch ein paar Stunden, bis uns die Lifte am schlafenden Vulkan in den kalten Powder shuttlen würden.

Schnee peitschte in unsere Gesichter, während wir uns auf den ersten Skitag vorbereiteten. Erst vor wenigen Stunden waren wir in Kayseri gelandet und befanden uns jetzt an der Talstation des Skigebiets. Die Stadt unter uns und ihre eine Million Einwohner wurden von einem Schneesturm verschluckt. Wir aber wollten ohnehin weiter nach oben, auf den Gipfel des 3.917 Meter hohen Erciyes. Wir zogen also die Felle auf und begannen den Aufstieg.

Das Abenteuer

Wir hatten uns auf dieses exotische Aben­teuer eingelassen, weil die Be­din­gungen in den französischen Alpen nicht gerade berauschend waren und auch für den restlichen März keine er­gie­bigen Dumps prognostiziert wurden. Anders hatte es allerdings in der Türkei ausgesehen. Eine fette Sturmfront sollte Erdogans Reich von Süden her unter einer weißen Decke begraben. Schnell waren Flüge gebucht und nach zwölf Stunden fand ich mich mit Chad Sayers und Tof Hen­ry in Kappadokiens Metro­pole wieder. Die Großstadt liegt etwas mehr als 300 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Ankara und war im Alter­tum ein wichtiger Knotenpunkt der Seiden­straße und der Persischen Königsstraße, zwei der wichtigsten kulturellen Ver­bindungen zwischen Europa und Asien. Beide Handelswege haben am Fuße des Erciyes ihre unverkennbaren Spuren hinterlassen und einen Schmelztiegel geformt, in dem sich Ideen, Künste und Religionen der unterschiedlichen Imperien austauschten.Die Türkei stand im Nahen Osten lange Zeit für Stabilität. Politische Fehl­ent­­scheidungen, ein machthungriger Despot, ein Putschversuch und die aktuelle Inflation haben den einstigen Fels an den Rand des Absturzes gebracht. Viele Freunde hatten uns deshalb vor den Gefahren in der Türkei ge­warnt. Bis auf den etwas verärger­ten Mitarbeiter der Mietwagengesellschaft gleich zu Beginn unseres Trips hatten wir von einer Bedrohung aber nichts erkennen können. Vielleicht resultierte dieser etwas schwierige Start aber lediglich aus der Tatsache, dass sich bei der Buchung unseres fahrbaren Untersatzes ein folgenschwerer Fehler eingeschlichen hatte. Im aus­ge­druckten Vertrag war zu lesen, dass wir gegen acht Uhr abends am Verleih auftauchen würden. Unser schnauzbärtiger Türke hatte aber bereits um acht Uhr morgens mit uns ge­rechnet. Mit etwas Trinkgeld ließ sich seine Laune aber letztlich doch wieder etwas aufhellen, sodass er uns in seinem privaten Jeep in die Stadt shut­tlete. Unser Wagen war leider anderweitig vermietet worden.

Kayseri

Auf dem Weg in die Metropole passierten wir einen schwer bewaffneten Checkpoint, der beinahe sinnbildlich für die aktuelle angespannte Situation errichtet worden war. Im Dezember 2016 wurden in Kayseri bei einem Selbst­mord­attentat mittels Autobombe 14 türkische Soldaten in den Tod gerissen. Keine zwei Wochen später erschütterte am Silves­terabend ein weiteres schreckliches Ereignis die Republik. Dieses Mal die Hauptstadt, als ein IS-Kämpfer 39 Menschen in einem Nachtclub erschoss. Das alltägliche Leben hat sich seither spürbar verändert, denn die Regierung in Ankara reagierte mit militärischer Präsenz im ganzen Land.
Wir passierten den Militärposten ohne Zwischenfälle. Die Soldaten mit ihren MPs hinterließen jedoch eher ein mulmiges Gefühl, als Sicherheit zu verkörpern. Schließlich war es kurz nach 22 Uhr, als wir auf den Parkplatz des „Radisson Blu“ einbogen. Im futuristischen und gleichzeitig höchsten Gebäude der ganzen Stadt befand sich unser Hotel für die kommenden Tage. Die sich spiegelnden Lichter an der Glasfassade reflektierten perfekt den unglaublich schnellen Wandel einiger türkischer Städte, in denen westliches Leben auf eine tausendjährige muslimische Kultur trifft. Kayseri kann als Paradebeispiel für den „anatoli­schen Tiger“ gesehen werden, wie die Türken stolz die Handvoll expandie­renden Metropolen bezeichnen.

Die Geschichte der Stadt reicht fast 5.000 Jahre zurück, denn sie wurde abwech­selnd von persischen Königen, römischen Legionen und mehreren isla­­mischen Dynastien besetzt. Sie diente sogar den Christen als Bastion, die der Stadt auch ihren heutigen Namen gaben. Ursprünglich Mazaca genannt, leitet sich „Kayseri“ von den Römern ab, die dem strategisch wichtigen Ort den Namen Caesarea verpassten. Dieser lag nur wenige Kilo­meter von der antiken Stadt Kül­tepe entfernt, einem wichtigen Zentrum der Assyrer, eines der ersten Imperien der Welt überhaupt. Von diesem einstigen Machtzentrum, in dem damals die Kö­ni­ge beheimatet waren, ist nicht viel übrig geblieben – abgesehen von einigen Ruinen an den Hängen des Erciyes.

First Night

Nachdem wir unsere modernen Zim­mer bezogen hatten, wollten wir uns noch ein Bier auf dem Dach des Ho­tels genehmigen – und zwar in der Rooftop-Bar. Diese ist eines der wenigen Lokale im Zentrum, die eine Schanklizenz für Alkohol besitzen, und spendiert gleichzeitig ein grandioses Panorama. Beim Rundumblick auf den interessanten Mix von Neuem und Altem erkennt man die futuristische Konstruktion des Kadir-Has-Fußballstadions, die Kuppeln und Minarette der Bürüngüz-Moschee, das Meer von Wohnblocks, die Reihen von kürzlich errichteten Fabriken und die alten Stein­mauern vom Schloss. Und hinter allem klettern die hügeligen Ausläufer den Erciyes hinauf, der sich zu diesem Zeitpunkt im Dunkel der Nacht versteckte. Kurz bevor wir uns vom Dach wieder auf den Weg in unser Apart­ment mach­ten, schickte uns der einstige Vulkan noch einen kalten Gruß in Form einiger vereinzelter Schneeflocken. Es hatte begonnen zu schneien.

First Morning

Am nächsten Morgen zeugte ein weißer Teppich in Kayseris Straßen vom nächtlichen Dump. Wir packten noch vor dem Frühstück unsere Ausrüstung in den Mietwagen, der schließlich seinen Weg zu uns gefunden hatte, und schlängelten uns in einer 30-minütigen Fahrt bis zum Erciyes Ski Resort hinauf. An klaren Tagen ist der Vulkan weithin sichtbar, umgeben von gewaltigen La­va-­Ablagerungen, die seine Ausläufer bilden. In dicke Wolken gehüllt blieben uns die Gipfel aber vorerst verborgen.

Skiresort

Das Skigebiet ist ein beliebtes Touris­ten­ziel für Türken im ganzen Land und ein beliebter Tagesausflug für Ein­heimische, um dort Schlitten zu fah­ren. Für uns überraschend westlich geprägt, verfügt das Resort über eine zeit­gemäße Infrastruktur und ein weitläufiges Gelände. 14 moderne Lifte und 60 Kilometer präparierte Pisten verteilen sich über rund 300 Höhenmeter. Unser erster Weg führte uns vom Parkplatz zur Moschee und weiter an den Liftmasten als Orientierung vorbei nach oben. Wegen des Sturms wurde der Betrieb den gesamten Tag nicht aufgenommen. Und auch wir mussten uns bald den Naturgewalten beugen und entschieden uns wegen schlechter Sicht und der unsicheren Lawinensituation für den Rückzug – in Form von unseren ersten türkischen Powder-­Turns zurück zum Auto.

Göre­me-­Nationalpark

Wir mussten uns vorerst mit Sightsee­ing die Zeit vertreiben, bis sich die Lage am Erciyes wieder etwas beruhigt hatte. Glücklicherweise hat die Umgebung von Kayseri einiges zu bieten, was das geneigte Touri-Herz höher schlagen und die Kameras zum Glühen bringt. Allen voran der Göre­me-­Nationalpark im Herzen Kappa­do­ki­ens, der 1985 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. An diesem un­wirklichen Ort haben sowohl die Natur als auch der Mensch einmalige architektonische Kunstwerke aus der steinernen Landschaft erschaffen. Oberirdisch gleicht die Kulisse man­cher­orts einer befremdlichen Mond­land­schaft, während unterirdisch ganze Städte in das weiche Vulkangestein gehauen wurden. Die Felsenhöhlen, die einst die Christen zum Schutz vor ihren Verfolgern in den Tuffstein ­gruben, sind weltweit einmalig. Die meisten sind gut erhalten. gefüllt mit bunten Mosaiken und Fresken aus den zahlreichen Zivilisationen, die das Gebiet im Laufe der Jahrtausende besiedelt haben. Nach einer kleinen Skitour machten wir uns auf zu einem Aussichtspunkt, von dem aus wir einen genialen Blick auf die surreale Landschaft und die täglich aufsteigenden Heißluftballone hatten. Später ließen wir uns wie alle anderen Touristen durch Göremes Katakomben treiben.

Der Händler

Wir wurden von einem Einheimischen mittleren Alters begrüßt, der auf ein wo­möglich lohnendes Verkaufsgespräch verzichtete, um uns stattdessen die Historie seiner Stadt näherzubringen. Er erzählte uns von Eseln, die einst in einigen der Höhlen lebten, die vor Tausenden von Jahren während der Blütezeit der Seidenstraße aus dem Fels geschlagen wurden. Wir hörten fasziniert zu, wie er von den Tagen seiner Großeltern vor dem Aufschwung der lokalen Tourismusbranche berichtete. Sein eigener Großvater wäre damals um den gesamten Globus gereist, um die schönsten Tep­piche zu kaufen. Zu Hause hätte er seinem Enkel die einzigartige Bedeutung eines jeden ge­knüpften Musters beigebracht, die seine Handelsware schmückte. Nachdem die lange Geschichte endlich zu einem Ende gekommen war, entließ er uns wieder nach draußen – nicht aber ohne jedem von uns einen kleinen Teppich verkauft zu haben. Zum Sonderpreis natürlich, exklusiv nur für uns. Der geborene Verkäufer!

Early Bird

Am nächsten Morgen weckte uns das Surren der vorprogrammierten Espres­so­maschine um 4:40 Uhr. Wir wollten noch vor dem Liftbetrieb am Erciyes ein paar Sunrise-Shots in den Kasten bekommen. Vielleicht ließen die Be­din­gungen sogar einen Hike bis zum Gipfel zu, erhofften wir uns. Die satte Do­sis Koffein ließ uns beinahe zum Auto schweben und keine halbe Stunde später erreichten wir wieder den Park­platz des Skigebiets. Die Sonne hatte den Horizont noch nicht erreicht, als wir wieder unter dem Ses­sel­lift nach oben hikten. Eingerahmt von einem Meer aus funkelnden Sternen schien der Mond so hell, dass er unsere Konturen auf den weißen Un­ter­grund projizierte. Langsam ver­blass­ten unsere Schatten aber und der Himmel fing an, seine Farbe von einem Dunkelblau über Gold nach Rot zu verändern.Der Südsturm, der immer noch ambi­tio­niert in der Region tobte, hatte wie prognostiziert einiges an weißer Fracht über dem Vulkan abgeladen. 500 Meter unter dem Gipfel war zwar von diesem Wind nichts mehr zu spüren, dennoch entschieden wir uns, der Unterlage noch etwas Zeit zu geben, um sich setzen zu können. Wir hatten ohnehin noch weitere vier Tage Zeit, um die Lines knapp unter den Peaks zu entjungfern. Die Sunrise-Turns im unverspurten Powder entschädigten uns für unsere sicherheitsbedingte ­Entscheidung.

Powder Surfing

Schon am nächsten Tag durften wir beinahe das komplette Potenzial des Erciyes auskosten. Dabei wirkte sich die Kegelform des Vulkans positiv aus, denn durch sein 360-Grad-Grat fanden wir genug windgeschützte Spots 200 Meter unterhalb der Gipfel, in denen der Powder durch die im­mer noch anhaltenden Winde nicht zu einer kompakten Platte verpresst worden war. Nach ein paar frühmorgend­lichen Runs zog es uns zurück ins Skigebiet unter uns, wo die Lifte inzwischen ihren Betrieb aufgenommen hatten und ein munteres Treiben stattfand. Sammelschilder für Skischüler, Anfänger in Jeans auf den Pisten, spielende Kinder und rodelnde Eltern – immer wieder mussten wir mit unseren breiten Skiern zusammen mit ihnen posieren.

Im Hamam

Es herrschte eine wirklich einnehmende und tolle Atmosphäre – noch dazu hatten wir natürlich freeriden können. Aus diesem Grund wiederholten wir am nächsten Tag unsere frühmorgendliche Mission und beendeten bereits mittags unsere sportliche Betätigung. Der Erciyes hat im Vergleich zu den Alpen kein sehr schwieriges Terrain zu bieten. Aber drei Tage in Folge auf über 3.000 Metern Höhe skitouren zu gehen ist immer anstrengend, egal in welchem Gelände man sich befindet. Wir beschlossen also, einen gechillten Nachmittag einzulegen. Wo ginge das in der Türkei besser als in einem traditionellen Hamam? Für mich war es die erste Erfahrung in einem dieser orientalischen Relax-Tempel. Ich hatte zwar schon von den legendären Schaummassagen gehört, aber als der „Meister der Schmerzen“, wie ich meinen Masseur später taufte, mit vollem Körpereinsatz auf mir herumzuspringen schien, war ich dennoch etwas verwirrt. Doch diese überlieferte Kunst der Muskellockerung verfehlte nicht ihre Wirkung, denn nach dem Besuch verließen wir völlig entspannt und scheinbar ohne unsere Knochen das 800 Jahre alte Gebäude.

Zwei Tage später riss uns bereits um vier Uhr morgens der Wecker aus dem Schlaf. Es war unser letzter Tag in der Türkei, die letzte Chance also, die Gipfel zu erklimmen. Inzwischen kannten wir das Terrain und hatten unser Gespür für den Schneeaufbau geschärft, sodass wir uns ohne Umwege zum Gipfelsturm aufmachten. Die pure Schönheit des morgendlichen Ausblicks auf die Landschaft unter uns verlangsamte etwas unsere Geschwindigkeit, doch um elf Uhr er­reichten wir schließlich den Summit. Eine zerlumpte türkische Flagge markierte den höchsten Punkt, an dem wir auch die obligatorische kleine Eisenbox mit ihrem Gästebuch fanden. Natürlich verewigten wir uns. Unter uns zogen die Wolken vorbei und durch die Lücken in der grauen Decke konnten wir kilo­meterweit in alle Richtungen blicken – vorbei an der Industrie Kayseris im Osten und den braunen Weiten des Nationalparks Göreme im Westen. Es war ein wirklich unvergesslicher Moment und wir stießen mit halb gefrorenen Erdbeeren und Schokolade auf unsere ungewöhnliche Reise an.