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Hüttentour – A Few Steps From Home

Diese Story erschien in der PRIME Skiing Printausgabe #29

Die Heimat neu entdecken – genau das hatten sich Max Kroneck, Jochen Mesle und Joi Hoffmann als Ziel für ihre Video­mission gesetzt. Dass der Trip fernab der üblichen Powder Hot Spots so erfolgreich verlaufen würde, hätten sich die drei vorher nicht erträumen können.

Text: Max Kroneck, Jochen Mesle
Fotos: Andreas Vigl

„A Few Steps From Home“ – Der Film

„A Few Steps From Home“ – Die Story

„Hüttengaudi“ hieß das Motto bei der spontanen Planung unseres letztjährigen Filmprojekts. Ganz so spontan war dann alles doch nicht – denn die Studentenzeit, in der man den ganzen Winter bequem auf der Lauer liegt und jegliche guten Bedingungen mitnehmen kann, ist bei uns allen lang vorbei.

So hieß es, vier verschiedene Parteien unter ein Dach bei begrenzten und unplanbaren Wetterfenstern zu packen. Zudem lief uns noch die Zeit mas­siv davon. Doch wieder einmal haben wir gelernt, dass man mit der richtigen Crew in Kombination mit der passenden Idee nichts falsch machen kann und trotz vermutlich schlech­ter Bedingungen oft verdient belohnt wird.

Foto: Andreas Vigl
Foto: Andreas Vigl

Kein Allrad, kein Problem?

„Kein Problem, mein Bus hat Allrad!“

Diese euphorischen Worte von ­„Mülli“ sind längst verklungen. Rück­wärts versuchen wir es Meter um Meter die völlig eingeschneite Zu­fahrts­straße zum Parkplatz hoch, vom Allrad ist nichts zu merken – hat der Bus auch gar nicht, wie sich dann he­raus­ge­stellt hat. Dafür hat es über Nacht ordentlich geschneit und das bis ins Inntal runter. Also Bus seitlich einge­parkt und ab auf die Felle.

Foto: Andreas Vigl
Foto: Andreas Vigl

Da wir ein paar Nächte als Selbstversorger in der Hütte bleiben wollen, haben wir ordentliche Rucksäcke geschultert. Max hat uns souverän ausgelacht, als er die gesta­pelten Berge mit Essen gesehen hat – aber uns ist spätestens nach „Eis & Palmen“ klar, wie hungrig man nach langen Bergtagen sein kann.

Foto: Andreas Vigl
Foto: Andreas Vigl

Noch plagen uns Zweifel, was die Tage passieren wird, da der frische Neuschnee wohl mehr verspricht, als er halten kann. Denn hinter uns lie­gen sehr schneearme Wochen, vor allem hat es bis in tiefe Lagen ge­regnet. Joi und Max waren vor dem Regen noch auf Scouting-Mission ge­wesen; als Max „aus Versehen verschlafen“ hatte und Joi nach drei Stunden allei­nigem Spuren erst am Gipfel wieder einholte – mit dem Re­sultat, dass Joi völlig ausgepowert war und Max fit zum Senden.

Po­tenzial haben sie oben genügend gefunden, doch wer­den die Bedingun­gen passen?

Foto: Andreas Vigl
Foto: Andreas Vigl

Die richtige Hüttenwahl

Aufgrund der mageren Schneebe­din­gungen war für uns die Wahl der Hütte das A und O. Entweder sah die Gegend vielversprechend aus, aber es war keine Hütte beziehungs­weise kein Winterraum vorhanden… oder die Hütte war wie perfekt, nur die Schneeverhältnisse grausig.

Foto: Andreas Vigl
Foto: Andreas Vigl

Unser Ziel war es, Skifahren zu zeigen, wie man es aus den klassischen Ami-Skistreifen kennt: steile Spines, tiefe Tree Runs, dicke Pillows, alles in einer gigantischen Landschaft – nur mit dem entscheidenden Unterschied, dass das alles bei uns daheim in den Bergen direkt „ums Eck“ passiert und auf Heli und Trara verzichtet wird – so simpel, wie es geht.

Foto: Andreas Vigl
Foto: Andreas Vigl

Unsere endgültige Hütte war dann das Zufalls­pro­dukt schlechthin: Nach dem ers­ten Scouten ging es für uns mit Full Speed den Fahrtweg hinunter, als uns zwei Tourengeher ent­ge­genkamen und sich lautstark nach den aktuellen Bedingungen er­kun­digen wollten… aber no chance zum Anhalten für uns.

Zum Glück kam noch Philipp mit seinem schweren Kamerarucksack ein wenig gemächlicher hinterher, dem sie von dem uns völlig unbekannten, offenen Winterraum berichteten, der sich im Endeffekt als „Luxushütte“ und absoluter Jackpot für uns erschloss: eine Hütte für uns allein in der erdenklich besten Ecke der heimischen Berge für unser ­Filmprojekt.

Foto: Andreas Vigl
Foto: Andreas Vigl

Das A und O bei einer Hüttentour: das Essen

Nach der Diskussion, was wir von dem ganzen Essensvorrat unten lassen könnten, ist dann doch Stück für Stück alles in unseren Rucksäcken gelandet, und was nicht mehr rein­ge­passt hat, wurde auf den Rucksack gestrappt.

Bei Jochen baumelte zum Beispiel ein Sack Zwiebeln außen rum und bei Joi steckte in der Skihalterung vom Rucksack das ­Baguette.

Oben angekommen waren wir ganz schön überrascht: Statt einen kleinen Winterraum mit Kochgelegenheit betreten wir eine doch größere Hütte mit Küche, Badezimmer und ei­nem geräumigen Bettenlager im ersten Stock – hier kann es sich leben lassen.

Einheizen, Wasser holen, kochen, genießen! Morgen wollen wir sehr früh raus mit der Option, einen ersten Run zum Sonnenaufgang zu scoren – fürs Foto wäre das bestimmt richtig gut. Doch Andi, unser Fotograf, ist noch nicht da. Er hat sich angekündigt, aber von ihm ist noch nichts zu sehen – es ist schon nach 22 Uhr und wir fallen gleich ins Bett.

Wo ist eigentlich der Fotograf?

Als wir dann in der Früh um vier den Kaffee machen, fällt uns die Kinnlade runter: Andi steht da, möchte kein Müsli, dafür aber einen doppelten Espresso. Er ist gestern Abend nach einem Fotojob in der Schweiz noch gleich in unsere Richtung gehetzt und durch die Nacht zur Hütte hoch – beziehungsweise erst mal dran vor­bei, denn unsere Spuren waren wie­der zugeschneit. Irgendwann so gegen ein Uhr hat er sie dann doch gefunden, also vor drei Stunden, und ist gleich ins Bett gefallen.

Na gut, dann dürfen wir den Sonnen­aufgang wohl nicht verpassen. So dackeln wir im Schein der Stirnlampen das Tal hinauf.

Foto: Andreas Vigl
Foto: Andreas Vigl

Als es anfängt zu dämmern, bricht kurz Hektik aus:

Wer fährt welche Linie, wo steht die Kamera, wer darf als Erstes fahren?

So hat auch das Rennen gegen die Sonne begonnen, in steilen Spitzkehren geht es dem Gipfel entgegen. „Wo war noch mal mein Drop-in?“ Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, kommt aber gleich – jetzt aber schnell! Felle abziehen, Skischuhe zu­knallen und… bam, die Sonne geht auf, alle sind ready. Un­ter uns eröffnet sich das reinste Paradies: frischer Traumschnee bei Sonnenschein und ausgesetzte ­Spines.

Glücksgefühle nach dem Sonnenaufgangs-Drop-In

Foto: Andreas Vigl
Foto: Andreas Vigl

Als wir drei der Reihe nach bei den Filmern eintrudeln, könnten die Glücks­­gefühle nicht größer sein. Alle sind happy – doch da meldet sich Andi übers Funkgerät: Er hat die gan­ze Szenerie von oben aus fo­to­grafiert, doch wir haben es total ver­peilt, ihm ein Zeichen zu geben, wenn Max losfährt. Na ja, dann eben noch mal hoch. Es könnte Schlim­me­res geben und es ist noch früh genug. Nach einem zweiten Run geht’s zufrieden gemeinsam zurück zur Hütte.

Foto: Andreas Vigl
Foto: Andreas Vigl

Irgendwie sind wir froh, dass Wolken reingezogen sind, so können wir ruhigen Gewissens ein zweites (für Andi erstes) entspanntes ­Frühstück in der Hütte genießen. Als Joi die Uno-­Karten auspackt, fängt es an zu schneien. Genau so haben wir uns das vorgestellt. Jetzt heißt es ab­war­ten, bis der Reset wieder ­vollkommen­ ist.

Foto: Andreas Vigl
Foto: Andreas Vigl

Am Nachmittag schwärmen einige wieder aus; Jochen hat einen Kicker-Spot gefunden und Joi hat eine Pillow-Line zwischen den Bäumen entdeckt. Max versucht indes, mit viel Dehnen und warmen Wasserflaschen, den eingeklemmten Nerv am Rücken wieder loszuwerden.

Der nächste Morgen

Am nächsten Morgen finden wir un­sere Ski unter 30 Zentimetern Neuschnee. Sehr gut! So geht es direkt aus der Schlafposition in die Skiposition – und zwar wörtlich! Direkt vor der Hütte verbringen wir einen per­fek­ten Tag mit vielen kurzen, aber spaßigen Runs.

Foto: Andreas Vigl
Foto: Andreas Vigl

Der Tag vergeht so schnell, dass wir tatsäch­lich fast den Kicker vergessen haben, den Jochen am Abend zuvor geschaufelt hatte.

„Jetzt aber schnell, gleich wird es dunkel!“

Ohne Speed Check rauscht Jochen los, von oben schaut es aus, als ob er im Bachbett gelandet wäre. Nur schwer sind der Speed und die Richtung einzuschätzen. „Schneller!“, schreit er hoch.

Max geht also noch ein paar Meter hoch, schiebt ordentlich an und landet seinen Siebener knapp neben Joi, der mit der Kamera in der Hand erschrocken mit offenem Mund hinterhergafft.

Noch zwei Hits für jeden, dann war’s das auch schon mit dem Licht. Wie das oft so im Backcountry ist, bleiben an einem Spot nicht viele Hits. Ohne Speed-Check, mit kurzer Landung und komplett blinder Anfahrt sind wir happy, eigentlich alle gelandet zu haben, und freuen uns, die Shots zu sehen.

War wohl nichts – es gab keine gute Per­spektive und später wird es kein Shot davon in den Film schaffen. Tja, so ist das manchmal!

Neuer Tag, neues Glück

Wir starten wieder im Schein der Stirnlampe in Richtung Spines. Von der Sonne ist nichts zu sehen, denn es schneit noch ordentlich – laut Wetterbericht soll es ab neun Uhr allerdings schön werden.

Wer schon mal filmen war, kennt das Prozedere sicher, stun­den­lang am Drop-in zu warten. Die wahr­scheinlich einzige Wolke im Inntal – so kommt es uns zumindest vor – hängt genau über uns. Zum reinen Fahren kein Ding, aber für die Kameras ist flaches Licht ein Graus.

„Los geht’s, mach dich bereit, in 30 Sekunden kommt ein Wolkenloch!“

Schuhe noch offen, der Mund voll mit Müsliriegel, keine Handschuhe an, voll im Stress. „Ah nee, doch nicht!“ Und so geht das dahin. Aber irgendwann kommt das verrufene Wolkenfenster doch und in Sekunden steht man unten breit grinsend bei den anderen und alle Hektik hat sich gelohnt.

Foto: Andreas Vigl
Foto: Andreas Vigl

Was man später im Film selten sieht: Nicht immer läuft alles perfekt. Irgendwie hatte dieses Mal jeder von uns eine Last auf den Schultern zu tra­gen. Max lag teilweise unbeweglich mit Rückenschmerzen zusammen­ge­kauert im Schnee, Joi hat auf­grund eines unaufschiebba­ren Jobs die ersten, guten Tage verpasst und Jochen schleppte noch eine harte Erkältung mit sich herum.

Doch kennt ihr noch den legendären Mo­ti­vations-Talk von Tanner Hall zu Hen­rik Harlaut kurz vor dessen Nose Butter Triple bei den X Games?

Das „You can do it!!!“ wurde unser Stan­dard-­Spruch, der alle zwei Minuten durch die Funkgeräte schallte, und so waren alle Quengeleien vergessen und die Lines und Tricks wurden reingestellt.

Wehmütig, aber voller glücklicher Er­innerungen im Gepäck mussten wir nach einem langen Wochenende – das sich übrigens wie zehn Tage angefühlt hat, weil so viel passiert ist – unsere 17 Sachen packen und durften ein letztes Mal auf die Ski und zurück ins Tal wedeln.

Perfektes Timing vor dem Lockdown

Wie sich herausstellen sollte, war es nicht nur für uns zeitlich die letzte Chance, sondern mehr oder weniger für jeglichen Skifahrer. Denn knapp danach schob uns allen, nicht nur beim Skifahren, etwas schwer Kontrollierbares den Riegel vor: Covid-19.

Fotos: Andreas Vigl
Fotos: Andreas Vigl

Was soll man abschließend sagen, das nicht zu sehr in Klischees endet!?

Unser Ziel war es, die heimischen Berge noch mal näher kennenzulernen, anspruchsvolles Ge­lände zu finden und gleichzeitig die klassische Hektik aus dem Alltag raus­zu­nehmen. Ebenfalls wollten wir das ­Ganze natürlich bildlich festhalten, sodass hoffentlich auch eine für uns wichtige Message transportiert wird:

Es gibt noch unglaublich viel Schönes und Unbekanntes direkt vor der Haustüre – „a few steps from home“ sozusagen.

Hierfür lohnt es sich, ab und an die eigene Perspektive zu wechseln und manchmal den Blick vom nächsten, noch größeren und weiteren Ziel zurück auf die kleineren, simpleren Dinge zu richten, die direkt ums Eck auf einen warten.

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