Patagonien ist groß, Patagonien ist wild und in Patagonien wird dir nichts geschenkt. Diese bittere Pille mussten Johannes Hoffmann, Thibaud Duchosal und Lucas Swieykowski bei ihrem Road Trip durch den Süden des gewaltigen Gebirgszuges lutschen.

Text: Hanna Finkel / Fotos: Javier Procaccini

 Foto: Javier Procaccini
Foto: Javier Procaccini

Patagonien, das Reich der Winde. Ein Land, das für seine wilde Natur und Barschheit berüchtigt ist. Dort, wo Steppe, Wüste, Gletscherseen, Regenwälder und eine ungezähmte Bergwelt die Landschaft prägen. Dort, wo der Sturm sein Unwesen treibt. Ungemütlich. Laut. Heftig. Was bringt drei junge Profi-Freerider dazu, ausgerechnet ans Ende der Welt zu reisen um dort Ski zu fahren?

 Foto: Javier Procaccini
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Die Rede ist von den beiden Arc’teryx Athleten Thibaud Duchosal und Johannes Hoffmann und dem einheimischen Profi-Skifahrer Lucas Swieykowski. Hatten sie tatsächlich geglaubt, mit ihren Skiern an den Füßen ohne Weiteres die gewaltigen Gipfel Patagoniens zu erklimmen und atemberaubende Berge zu befahren?! Sie haben die Rechnung ohne den Patagonischen Sturm gemacht. Eine Geschichte über ein Skiabenteuer in einem Land, das sich nicht so einfach zähmen lässt und unerwartet zurückschlägt.

Verborgene Schätze

Das Abenteuer der drei Skipioniere beginnt in einem kleinen Dörfchen namens El Foyel hoch oben im Norden Patagoniens. Aus seinen vielen Reisen in dieses Land weiß Thibaud von versteckten Tälern, die ein riesiges Potential zum Skifahren bieten. Er weiß jedoch auch, dass viele dieser Täler in Privateigentum sind und der Zugang zu ihnen nahezu unmöglich ist. In El Foyel kennen die Menschen das Wort „Skifahren“ nicht. Die Hauptbeschäftigung ist Jagen. Der Besitzer eines Grundstücks dort ist jedoch verrückt nach den Bergen, die sein Stück Land umschließen. Er zeigt den schneehungrigen Freunden einen Weg zum weißen Gold dieser Berge, an dessen Ende eine einsame Hütte liegt.

 Foto: Javier Procaccini
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Der Weg ist jedoch weit, so dass sie den Großteil der Strecke reitend zurücklegen müssen. Ihre Pferde sind zäh und trotzen stumm den ungemütlichen Bedingungen mit Reiter und Skiausrüstung auf ihren Rücken. Doch dann zieht ein Sturm auf. Nahezu im Minutentakt legt der Wind an Stärke zu. Es mischt sich Schnee unter die Sturmböen. Bald kommen die Pferde im metertiefen Schnee nicht mehr weiter. Lukas, Thibaud und Johannes beschließen, mit ihren Tourenskiern weiterzumarschieren. Die Pferde lassen sie zurück. „Sie kennen die Gegend und finden immer nach Hause,“ so die Worte des Grundstückbesitzers. Sie vertrauen darauf.

„Mit ihren Skiern am Rucksack und Verpflegung für mehrere Tage folgen sie zum Teil Tierspuren oder wandern querfeldein.“

Die Dunkelheit bricht an. Gegen Mitternacht finden die Skifahrer die verlassene Hütte am Ende eines riesigen Plateaus. Es vergeht noch ein Tag, bis sie die perfekten Bedingungen zum Skifahren vorfinden. Blauer Himmel und milde Temperaturen erlauben es ihnen, die umliegenden Gipfel zu besteigen und steile Couloirs zu befahren. Doch das schlechte Wetter kehrt zurück und es ist Zeit, El Foyels verborgene Schätze zu verlassen. Der Weg nach El Chalten tief im Süden ist noch weit…

 Foto: Javier Procaccini
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Straße nach El Chalten

Die 1.500 Kilometer, die sie in den darauffolgenden Tagen zurücklegen müssen, haben es in sich. Ihre Reise führt sie auf der Route 40 über die endlose Patagonische Steppe und durch eine atemberaubende Landschaft. 500 Kilometer lang passieren sie keine Tankstelle, geschweige denn eine Menschenseele. Nach einer Nacht im Zelt, welches sie am Straßenrand aufgeschlagen haben, ist ihre Reise am nächsten Morgen jäh zu Ende. Der Regen hat den Boden in den vergangenen Tagen so stark aufgeweicht, dass sich ihr Truck im Schlamm des La Cuevas de las Manos Canyons festgefahren hat. Ein Weiterkommen scheint unmöglich. Aus lauter Verzweiflung sammeln die jungen Männer jeden Stein im Umkreis ihres Trucks auf und versuchen verzweifelt, eine „asphaltierte“ Straße zu bauen.

„Der Berg hat sich mit aller Macht gewehrt. Wir haben hier nichts mehr zu suchen“

 Foto: Javier Procaccini
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Irgendwie gelingt es Lucas, den Truck aus der misslichen Lage zu manövrieren und ihre Reise fortzusetzen. Erleichtert, aber unendlich müde entscheiden sie sich an diesem Abend zu biwakieren. Doch urplötzlich reist sie ein Unwetter aus ihrer Nachtruhe und an Schlaf ist in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Allmählich macht sich unter den jungen Freeridern Erschöpfung breit. Der Patagonische Wind zerrt nicht nur an ihren Kleidern, sondern auch an ihren Kräften. Die letzten Kilometer auf einer nicht gepflasterten Autostraße entpuppen sich als die gefährlichsten. Der starke Regen hat den Untergrund innerhalb von Sekunden in eine spiegelglatte Schlammpiste verwandelt. Dreck und Schlamm blockieren die Sicht durch die Windschutzscheibe. Es dauert noch einmal über 5 Stunden, die 72 km bis nach El Chalten zurückzulegen…
Das gelobte Land

 Foto: Javier Procaccini
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Die Berge um El Chalten sind der Traum vieler Bergsteiger. Kaum ein Ort hat so viele alpinistischen Geschichten zu erzählen. Doch das trifft für das Skifahren dort nur bedingt zu. Das Wetter für die darauffolgenden Tage ist vielversprechend. Am nächsten Morgen starten Thibaud, Johannes und Lucas sehr früh, denn der Weg in die Berge, wenn es einen gibt, ist lang und schwierig. Mit ihren Skiern am Rucksack und Verpflegung für mehrere Tage folgen sie zum Teil Tierspuren oder wandern querfeldein. Es wird ihnen schnell klar, dass man sich das Skifahren an diesem Ort erarbeiten muss.

Nach zweieinhalb Stunden Wandern, zwei Stunden auf Tourenskiern und weiteren zwei Stunden Bergsteigen erreichen sie endlich den Gipfel des Cerro Creston. Doch das Wetter zieht zu. Starker Schneefall setzt ein. Nervös warten die drei Freunde am Gipfel auf bessere Bedingungen. Eine spektakuläre Abfahrt wäre bei den schlechten Sichtverhältnissen zu riskant, denn der Gipfel ist zu ausgesetzt und unter ihnen breitet sich ein gewaltiger Gletscher aus. Enttäuscht treten die jungen Männer den Rückweg an und tasten sich vorsichtig gen Tal. Es ist, als ob der Berg entscheidet, ob und wie er dich gehen lässt. Dennoch können sich die drei Freerider glücklich schätzen. Viele Alpinisten vor ihnen haben wochenlang auf gute Bedingungen gewartet, um den Cerro Creston zu bezwingen.

 Foto: Javier Procaccini
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Die folgende Tour auf den Cerro Vespigniani, einem weiteren Gipfel im Fitz Roy Nationalpark, ist geprägt von heftigen Strapazen. Bis die jungen Männer endlich in den Schnee gelangen und ihre Tourenski anschnallen können, vergehen weitere vier Stunden. Das unwegsame und steile Gelände macht der Mannschaft sehr zu schaffen. Seit ihrer Ankunft in Patagonien verging kaum ein Tag, an dem sie sich erholen konnte. Sie kämpfen sich durch den eisigen Wind. Der Weg fühlt sich endlos an. Noch 200 Meter bis zum Gipfel. Doch der eisige Wind ist einem Sturm gewichen, der es ihnen unmöglich macht noch weiter aufzusteigen. Von einer atemberaubenden Abfahrt ganz abgesehen. Die Frustration ist groß. Unmittelbar vor dem Gipfel müssen sie umkehren und sich eingestehen, dass sie nach weiteren 10 Stunden mit größter Anstrengung noch immer nicht in den Genuss einer grandiosen Abfahrt gekommen sind.

Fitz Roy

Alpinisten aus aller Welt kennen das spektakuläre Bild seiner massiven Granitwand. Vom Fitz Roy träumen viele Bergsteiger hierzulande. Auch Johannes, Thibaud und Lucas zieht dieser furchteinflößende und mächtige Berg in seinen Bann. Mit Skiern ist der Fitz Roy nicht zu bezwingen, dennoch lassen sich einige spektakuläre Hänge am Fuße des Gipfels befahren. Und das ist ihr Plan. Die endlose Weite dürfen sie jedoch nicht unterschätzen. Um Zeit zu sparen entscheiden sich die Athleten die Nacht vor ihrer Befahrung in der Rio Blanco Hütte zu verbringen. Das Wetter ist vielversprechend, gleicht aber an einem Berg wie dem Fitz Roy einem Russischen Roulette.

„Das Wort Feindseligkeit trifft es wohl am besten, um diesen Ort zu beschreiben.“

Sie wollen früh starten. Gegen 2.00 Uhr werden sie jedoch von einem monströsen Schneesturm geweckt, der jeden Millimeter der Hütte erschüttert. Großes Unbehagen macht sich breit. Der Sturm entwickelt sich zur Furie. Es scheint, als ob der Sturm ihnen aus voller Kehle zuschreien wolle: „Verschwindet, ihr seid hier nicht willkommen!“ Nach einer schlaflosen Nacht entscheiden sich die Freunde am nächsten Tag für den Rückzug. Erleichtert treten sie in einem heftigen Schneesturm den Rückweg an. Das Wort Feindseligkeit trifft es wohl am besten, um diesen Ort zu beschreiben.

 Foto: Javier Procaccini
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Die Katastrophe

Seit drei Tagen schneit und stürmt es unaufhörlich. Doch die drei Freerider wollen dem Cerro Creston erneut einen Versuch widmen. Die vielversprechende Abfahrt lässt sie nicht los. Für den folgenden Tag verspricht der Wetterbericht ein fünfstündiges Wetterfenster – das erste und letzte in der darauffolgenden Woche. In zwei Tagen sollten sie nach Hause fliegen. Johannes, Lucas und Thibaud bleibt keine andere Wahl, als diese Chance zu ergreifen. Sie starten um 1.00 Uhr morgens. Die Nacht ist rabenschwarz. Es schneit und die Wegfindung bereitet ihnen Probleme. Der Schnee verdeckt jegliche Spuren. Ihnen steht ein sehr langer Tag bevor. Doch das ist der Preis, den man in Patagonien für einen „Gipfel“-Erfolg bezahlen muss. 40 cm frischer Neuschnee.

„Mit jedem Schritt brechen sie tiefer in den Schnee ein. Nach einer halben Stunde schlagen Joi und Lukas erschöpft vor, umzudrehen.“

 Foto: Javier Procaccini
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Mit dem ersten Licht des Tages erreichen sie endlich den Rücken am Ende des Gletschers. Der Schnee ist unheimlich tief und erschwert das Gehen. Sie beschließen, die Skier an den Rucksack zu packen. Noch 700 Meter bis zum Gipfel. Mit jedem Schritt brechen sie tiefer in den Schnee ein. Nach einer halben Stunde schlagen Joi und Lukas erschöpft vor, umzudrehen. Doch Thibaud protestiert und übernimmt die Führung. Es liegt unheimlich viel Schnee und sie brauchen sehr lange, um sich Meter für Meter fortzubewegen. Aber sie wollen Skifahren!

Der Schnee ist perfekt und allmählich schimmert die Sonne hinter dem grauen Vorhang aus Wolken hindurch. Und plötzlich… ein furchteinflößendes, tiefschwarzes Grummeln, das sich binnen Sekunden in einen ohrenbetäubenden Lärm verwandelt. Unter ihren Füßen löst sich eine gewaltige Lawine. Von einem Moment auf den nächsten ist alles um sie herum weiß. Schneestaub wirbelt durch die Luft. Die Erde bebt. Panisch realisieren sie, was soeben passiert. Der gesamte Hang hat sich direkt an ihrer Aufstiegsspur ins Tal verabschiedet.

„Unter ihren Füßen löst sich eine gewaltige Lawine. Von einem Moment auf den nächsten ist alles um sie herum weiß“

Doch schon nach wenigen Sekunden ist alles vorbei. Kreidebleich schauen sie einander an. Der Gletscher ist unter einer metertiefen Schneedecke verschwunden. Der unberührte Hang vor ihnen einfach verschwunden. Und auf einmal wird ihnen klar: Der Berg hat sich mit aller Macht gewehrt. Wir haben hier nichts mehr zu suchen. Gemischte Gefühle. Unendlich froh noch am Leben zu sein, fahren die drei Freunde an diesem Tag mit zitternden Knien gen Tal. Diese Tour hätte auch in einer Katastrophe enden können.

 Foto: Javier Procaccini
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Patagonien ist feindselig, das wissen sie nun. Demütig beenden die drei Freunde ihr Patagonisches Abenteuer mit der Erkenntnis: das Leben ist wichtiger als jeder gottverdammte Gipfel.