Es ist eine turbulente Woche in den Westalpen. Starker Schneefall und Lawinenwarnstufe 4, lokal sogar 5, bestimmen die Situation in weiten Teilen der französischen Nordalpen. Dies sorgt für schwierige Bedingungen in höher gelegenen Orten wie La Plagne, wo aktuell ein Lockdown gilt. Zum Zeitpunkt dieses Berichts (Donnerstagabend) ist zudem die Straße zwischen Tignes 1800 und Tignes Le Lac gesperrt, da präventive Lawinensprengungen durchgeführt werden, um das Risiko spontaner Lawinenabgänge zu minimieren. Der Höhepunkt der Niederschläge in den Westalpen ist mittlerweile überschritten, doch in den kommenden Tagen wird auch in anderen Teilen der Alpen Schnee erwartet, und der PowderAlert #8 zeichnet sich bereits am Horizont ab.
Les Marecottes (roundshot.com)
Massenhaft Neuschnee
In den vergangenen 24 Stunden sind in höheren Lagen zwischen 30 und 60 Zentimeter Schnee gefallen. Mancherorts waren die Mengen sogar noch größer. Die Nivose von Aiguilles Rouges (2365 m) liefert derzeit beeindruckende Daten mit über 1,5 Metern Neuschnee in den letzten zwei Tagen. Auch die Schweizer Messstation L’Ecreuleuse auf 2252 Metern verzeichnete rund 120 Zentimeter Fresh Snow. Der Schneefall wurde in der Höhe von stürmischen Winden begleitet.
Nivose Aiguilles Rouges (meteofrance.com)
Die aktuelle Lage in den Westalpen verdeutlicht, warum das Lawinenrisiko logischerweise extrem hoch ist. Die Schneefallgrenze lag generell etwas niedriger als erwartet, aber in tieferen Lagen (insbesondere unter 1500 Metern) ist der Schnee vielerorts recht schwer. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag gab es dort Regeneintrag. Es lässt sich festhalten, dass es zwischendurch tatsächlich milder wurde, was jedoch keine größeren Schäden verursachte, da die Niederschlagsintensität meist etwas geringer ausfiel. Am Morgen sank die Schneefallgrenze wieder (mit leichten Schwankungen im Tagesverlauf), und mittlerweile strömt erneut kältere Luft ein. Auf dem Webcam-Bild von Champagny (1470 Meter) ist beispielsweise wieder Schneefall zu erkennen; während dieser intensiven Schauer sank die Schneefallgrenze stellenweise sogar unter 1000 Meter.
Schneefall in Champagny auf 1470m (app.webcam-hd.com)
Aussichten für die kommenden Tage
Was bringt der morgige Freitag? Zunächst: Das Lawinenrisiko bleibt hoch bis sehr hoch, weshalb viele hochgelegene Skigebiete später als geplant öffnen oder (teilweise) geschlossen bleiben werden. Große spontane Lawinen sind weiterhin möglich, wie heute bereits in Courmayeur beobachtet. Tagsüber bleibt es trocken und die Sonne kommt schnell durch. Es wird zudem milder, weshalb der schwere Schnee in tieferen Lagen ein Gefahrenfaktor bleibt. In den Westalpen steigt die Nullgradgrenze auf etwa 2000 Meter, in den französischen Südalpen und im südlichen Piemont sogar noch einige hundert Meter höher. Am Freitag liegt der Fokus hauptsächlich auf nicht zu steilen, höher gelegenen Treeruns. Die kommenden Tage sind definitiv nicht der richtige Zeitpunkt, um in steiles, hochalpines Gelände einzusteigen. Selbst in Gebieten mit weniger extremen Neuschneemengen bleibt die Situation heikel.
Große Teile der Westalpen mit Lawinenwarnstufe 4 oder 5 (avalanche.report)
Vom Westen her nimmt die Bewölkung im Laufe des Nachmittags zu, und in den südwestlichen Alpen setzt schließlich Schneefall ein. Ursache hierfür ist ein kleiner Trog in der Höhe sowie die Entwicklung eines kleinräumigen Tiefdruckgebiets über der Mittelmeerküste Südfrankreichs. Dieses Tief zieht schnell nach Südosten weiter, was den Einfluss auf die Südalpen am Samstag begrenzt. Gleichzeitig strömt auf der Alpennordseite kalte Luft mit Schnee aus Nordwesten ein, was auf der Südseite schließlich für Nordföhn sorgt. Dieser Druckgradient nimmt am Samstag von Westen her rasch zu, was nicht nur den Schneefall abschwächt, sondern auch starken Wind mit sich bringt. Dennoch könnten laut den meisten Modellen bis dahin in einem begrenzten Gebiet im südlichen Piemont 30-40 Zentimeter Schnee fallen. Weiter nördlich bleiben die Mengen allgemein auf 5-15 Zentimeter begrenzt, wobei hier ein genaues Nowcasting für Details entscheidend ist.
Unser Modell zeigt ebenfalls 30-40cm, dies könnte sich jedoch auf ein noch kleineres Gebiet im Süd-Piemont beschränken.
Zeitgleich mit dem Nordföhn in den Südalpen folgen auf der Nordseite Niederschläge mit der einströmenden Kaltluft. Diese erreichen die Nordalpen im Laufe des Samstags, fallen jedoch weniger intensiv aus. Für die meisten österreichischen und schweizerischen Gebiete erwarte ich 10-20 Zentimeter. In der Schweiz könnten in den Staugebieten bis Sonntagmorgen mit der Kaltluft auch bis zu 30 Zentimeter zusammenkommen. Die Schneefallgrenze sinkt rasch von 800-1000 Metern bis in die meisten Täler. Am Sonntag sorgt zeitweise Hochdruckeinfluss für ruhigeres Wetter. Aus Südwesten wird mildere Luft herangeführt, und der Druck- sowie Temperaturgradient zwischen den nördlichen (kalten) und südlichen (milderen) Alpen löst sich weitgehend auf.
Schnee auf der Alpennordseite an diesem Wochenende
Neuer Schnee kündigt sich für Anfang nächster Woche an (DWD)
Powderalarm #8 in Sicht
Gegen Ende des Wochenendes erreicht ein neues Tiefdrucksystem mit Schneefällen die nordwestlichen Alpen, was einen echten Northweststau auslösen könnte. Sowohl das EC- als auch das GFS-Modell zeigen bis Dienstagmorgen ernstzunehmende Mengen, mit einem halben Meter Schnee in höheren Lagen. Das bedeutet, dass PowderAlert #8 schnell näher rückt. Beide Modelle deuten auf eine Schneefallphase von mehr als 24 Stunden hin, wobei in den echten Nordstau-Gebieten bis zu ein Meter Schnee möglich ist – dies ist jedoch momentan noch unsicher. Auch wenn es in den Westalpen anfangs etwas mild sein wird, sieht die Schneefallgrenze diesmal nicht schlecht aus. In den Westalpen liegt sie in der Nacht zum Sonntag und am Montagmorgen vorübergehend bei etwa 1500 Metern, wird aber auf der gesamten nordwestlichen Seite unter 1000 Meter sinken. Wir halten euch auf dem Laufenden!
EC 24h-Schneefall Montag bis Dienstagmorgen (wxcharts.com)








