Hike & Ride – Mit dem E-Bike zum Skitouren?

Move The Boundaries

Macht es Sinn, ein E-Bike für Skitouren zu nutzen? Philipp Müller hat diese Frage für uns beantwortet.

Der Siegeszug der E-Bikes macht auch bei uns Freeridern nicht halt. Viele von uns reißen im Sommer mit ihren Akku-Bolzen ein Vielfaches an Trail-Kilometern ab – im Vergleich zu herkömmlichen Mountainbikes ohne elektronische Unterstützung. Warum sollte man diese technologische Entwicklung nicht auch zum Skitourngehen nutzen können? Man kann und es macht sogar Sinn, wie uns Philipp Müller zuberichten weiß.

Text: Philipp Müller / Fotos: Roman Lachner

E-Bike: Hike & Ride – Move The Boundaries

Die Beweggründe, sich aus eigenem Antrieb die notwendigen Höhenmeter für eine Skiabfahrt zu erarbeiten, sind äußerst unterschiedlich – als Training, als reines Naturerlebnis, als Ausgleich zum stressigen Berufsleben oder wie bei uns Freeridern einfach als Mittel zum Zweck. Wenn nach Tagen ohne nennenswerte Schneefälle alle Runs im Dunstkreis der Bergbahnen zerpflügt sind, nehmen wir Powder-Fetischisten sogar längere Hikes billigend in Kauf, um in unberührtes Terrain vorzustoßen zu können. Bei der Tourenplanung stellen wir uns aber dennoch immer wieder die gleichen Fragen:

Schaffe ich im vorgegebenen Zeitfenster die angegeben Höhenmeter bis zum ersehnten Spot? Lohnt sich der ganze Aufwand überhaupt?

Und noch kritischer stellen wir uns diese Fragen während der vermeintlich besten Zeit für Skitouren, dem Spätwinter, wenn in den Tälern schon der Frühling Einzug hält und sich nach dem letzten Touristenschwall zu Ostern beinahe alle Skiresorts kollektiv in den Sommerschlaf verabschiedet haben.

Ein Sled ist nicht die Alternative

In hohen Lagen finden wir dann aber wie beispielsweise in der letzten Saison immer noch beste Freeride-Bedingungen – nordseitig feinsten Powder und südseitig soulige Firn-Runs. Und das alles bei sehr sicheren Lawinenverhältnissen, solange die Schneelage ausreichend mächtig ist. Nicht umsonst ist diese Zeit auch der absolute Höhepunkt aller Steilwand-Fans. Dumm nur, dass wir in die schneebedeckten Höhen nur noch von Tal aus mit verhältnismäßig langen Zustiegen gelangen, da wir weder auf Liftunterstützung hoffen dürfen, die meisten Pass- oder Bergstraßen noch unter einer dicken Schneedecke begraben sind und die Nordamerikanische Alternative des Sled Skiing bei uns erst gar nicht zur Debatte steht.

Will man also in das verlockende Weiß vordringen und nicht auf den üblichen Pfaden wandeln, die sich aus ökonomischer Sicht in der Vergangenheit bewährt haben, bleibt uns nur noch das Mountainbike, um über Schotterwege bis zur Schneegrenze vorzudringen.

Mit dem Rad lässt sich im Vergleich zum Fussmarsch oftmals einiges an Zeit gut machen, sofern sich der Anstieg nicht allzu extrem aus der Horizontalen neigt. Mit fetten Freeride-Latten und Skischuhen am Rucksack verzurrt, der für den Tagestripp ohnehin schon prall gefüllt ist, zerren schnell 20 Kilogramm Gepäck am Rücken, das auf steilen Forstwegen früher oder später seine zerstörerische Wirkung entfaltet und einen auf das Tempo von Wanderern bremst. Am Schnee angekommen ist man dann ebenso erledigt, als hätte man auf das Bike verzichtet.

E-Fullies: Sogar in der MTB-Szene akzeptiert

Der Boom der E-Bikes hat aber dazu geführt, dass es inzwischen auch extrem geniale E-Fullies gibt, die ihren Siegeszug sogar bis in die Hardcore-Freeride-Szene fortgesetzt haben. Mit den Akku-unterstützten Bikes lassen sich deutlich mehr Höhenmeter abspulen und somit auch mehr Downhill-Meter erzielen. Und die wollen wir doch! Durch den niedrigen Schwerpunkt liegen diese Modelle übrigens extrem satt auf Trails.

Wieso also nicht E-Bike to Ski?

Klar, ganz fair ist diese Variante nicht, aber wir wollen schließlich noch genug Körner in den Schenkeln haben, um solides Freeriden im Schnee betreiben zu können.

Glücklicherweise hat mein Arbeitgeber Scott genau die richtigen Arbeitsgeräte für einen derartigen Ausflug im Sortiment. Wer von euch schon einmal das „SK-eRide“ gesehen hat, der weiß was ich meine. Ein E-Mountainbike mit Spikes, Skitragesystem und Espressomaschine. Was will man mehr. Da dieses Schmuckstück letzten Winter erst vorgestellt wurde und nur in einer extrem begrenzten Stückzahl vorhanden und leider vergriffen war, haben wir uns anderweitig im Fuhrpark der Schweizer bedient und uns „e-Genius“ Bikes gekrallt, um unsere E-Bike-Skitour-Mission anzugehen.

Mit dem „e-Genius“ zum Roßkogel

Die beiden "Scott e-Genius" Bikes, mit denen Roman & Philipp unterwegs waren. - Foto: Roman Lachner
Die beiden „Scott e-Genius“ Bikes, mit denen Roman & Philipp unterwegs waren. – Foto: Roman Lachner

Und das richtige Terrain hatten wir auch schon im Visier. Mehrmals im Winter fahre ich über Seefeld in Richtung Innsbruck, um jenseits des Inntals meine Freeride-Latten auszuführen. Nach dem Ortsschild eröffnet sich ein geniales Panorama über die Stubaier Alpen. Mein Blick bleibt dabei schon seit Jahren an einer markanten nordseitigen Rinne hängen, die sich vom 2.650 Meter hohen Roßkogel nach unten zieht. Im Winter gelangt man mit einem kurzen Hike an den Fuß dieses Massivs über das Rangelköpf, auf das einen die Bergbahnen Oberperfuss bringen würden.

Hike & Ride - Mit dem E-Bike zum Skitouren? - Foto: Roman Lachner
Hike & Ride – Mit dem E-Bike zum Skitouren? – Foto: Roman Lachner

Auf Grund seiner Steilheit und seiner Exposition ist der Run recht gefährlich. Im Frühjahr, wenn die Verhältnisse eine sichere Befahrung zulassen würden, hat das Skigebiet nur leider schon zu. Es bleibt also nur der lange Anstieg vom Inntal entlang des Entenbachs bis hinauf zur Inzinger Alm – gute 1.000 Höhenmeter und einiges an Kilometern. Auf die Hütte führt eine Forsttrasse, doch mit dem Auto ist bis in den Juni hinein kein Durchkommen. Ideale Vorraussetzungen also, um mit dem E-Bike bis zum Schnee emporzuklettern.

Irgendwann geht es auch mit dem E-Bike nicht weiter. Dann heißt es: Felle aufziehen und ab ins weiße Frühlings-Glück. - Foto: Roman Lachner
Irgendwann geht es auch mit dem E-Bike nicht weiter. Dann heißt es: Felle aufziehen und ab ins weiße Frühlings-Glück. – Foto: Roman Lachner

Nach einer guten Stunde auf dem E-Boliden haben wir schließlich die Alm erreicht und haben auf unser Touren Equipment umgesattelt. Leider waren unterhalb des Gipfel zahlreiche Lawinen abgegangen, weshalb wir umdisponieren mussten. Am Weißstein einen Gipfel weiter südlich sah es dagegen äußerst vielversprechend aus. Nach 1.000 Höhenmetern auf den Skiern standen wir oben am Drop-In und konnten nordseitig durch erstaunlich geschmeidigen Powder surfen. Und das im Mai.

Wenn die Tour passt, spart man mit dem E-Bike sogar so viel Zeit, dass sich ein zweiter Run ausgeht. - Foto: Roman Lachner
Wenn die Tour passt, spart man mit dem E-Bike sogar so viel Zeit, dass sich ein zweiter Run ausgeht. – Foto: Roman Lachner

Durch die Zeitersparnis im Zustieg ging sich sogar noch ein zweiter Run aus, bevor uns die Sonne mit einem genialen Sundowner verabschiedete.

Fazit: E-Bike als Zustiegshilfe für Skitouren?

Zugegeben, so ein Trip bedarf einer etwas intensiveren Planung und das E-Bike eignet sich sicher auch nicht bei jeder Tour als Zustiegshilfe. Die ein oder andere „Expedition“ entwickelt sich dadurch aber mit Sicherheit von einem mühsamen „Hatscher“ zu einer lohnenden Aktion.

Mit der richtigen Planung sowie auf passenden Routen geht es: Skitouren mit dem E-Bike. - Foto: Roman Lachner
Mit der richtigen Planung sowie auf passenden Routen geht es: Skitouren mit dem E-Bike. – Foto: Roman Lachner

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