Beschneiungsanlagen als Energiequelle – Davos Klosters Bergbahnen geht neue Wege
Ein Gespräch über Technik, Verantwortung – und die Zukunft des Wintersports in Zeiten des Klimawandels.
Skigebiete stehen oft im Kreuzfeuer, wenn es um Klimaschutz und Energieverbrauch geht. Doch in Davos geht man längst einen anderen Weg – mit konkreten Projekten statt Lippenbekenntnissen.
Im Interview sprechen Martina Mehr, Leiterin für Business Development und Nachhaltigkeit, und Reto Gamper, stellvertretender COO, über das neue Kleinwasserkraftwerk am Rinerhorn, innovative Wege der Energiegewinnung aus bestehender Infrastruktur und darüber, warum echter Wandel nur gelingt, wenn Unternehmen und Gäste gemeinsam umdenken.

„Es braucht aber nicht nur ein Umdenken bei den Unternehmen, sondern auch beim Handeln jedes Einzelnen. Ein großer Teil des schädlichen CO2-Ausstoßes eines Skiurlaubs entsteht mit der An- und Abreise und nicht mit der Pistenpräparation.“
Magst du uns kurz darüber aufklären, was deine Funktion bei den Davos Klosters Mountains ist und wie sie mit dem Thema Nachhaltigkeit zusammenhängt?
Martina: Meine Aufgabe bei den Davos Klosters Bergbahnen ist die Leitung des Business Development und der Nachhaltigkeit. In diesem Bereich bin ich zuständig für die Weiterentwicklung verschiedener Geschäftsbereiche wie zum Beispiel die Entwicklung der Sales-Abteilung. Daneben bietet der Bereich Nachhaltigkeit die Möglichkeit, Projekte zu begleiten und realisieren. So setze ich zum Beispiel mithilfe vieler Mitarbeitenden am Berg und Partner den Masterplan der Solarenergie um.
Was bedeutet Nachhaltigkeit für dich persönlich – und wie lebst du das in deiner täglichen Arbeit?
Martina: Für mich ist Nachhaltigkeit, sich seiner Handlungen bewusst zu sein, als Einzelperson und als Unternehmen. Denn schon jeder Einzelne kann mit seinem Handeln über Nachhaltigkeit entscheiden. Sich seines Fußabdrucks privat und bei der täglichen Arbeit bewusst zu sein und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen finde ich wichtig.
Skigebiete stehen oft in der Kritik, wenn es um Klimaschutz geht. Wie gehst du mit diesem Spannungsfeld um?
Martina: Wir setzen als Unternehmen bereits seit über 15 Jahren viele Maßnahmen im Bereich der Effizienzsteigerung, der Energie und der Nachhaltigkeit um. Deshalb ist es für mich kein Spannungsfeld, sondern eine Chance, über unsere Maßnahmen zu sprechen und mit neuen Projekten voranzugehen.
Kann nachhaltiger Skitourismus deiner Meinung nach überhaupt funktionieren – oder braucht es dafür ein komplett neues Denken?
Martina: Ich bin der Meinung, dass es funktionieren kann. Es braucht aber nicht nur ein Umdenken bei den Unternehmen, sondern auch beim Handeln jedes Einzelnen. Ein großer Teil des schädlichen CO2-Ausstoßes eines Skiurlaubs entsteht mit der An- und Abreise und nicht mit der Pistenpräparation. Insofern ist es wichtig, dass jeder Einzelne mit seinem Handeln aktiv eine nachhaltige Entwicklung des Tourismus mitgestaltet.

Was waren die größten Herausforderungen bei der Planung des neuen Wasserkraftwerks – technisch, organisatorisch oder politisch?
Reto: Das Verfahren für die Konzessions- und Projektgenehmigung des Wasserkraftwerks Rinerhorn erwies sich als anspruchsvoll und komplex, vor allem weil wir bezüglich der Konzession wenig Erfahrung aus anderen Projekten hatten. Zusätzlich galt es, für die Wasserrechtsverleihung eine Volksabstimmung innerhalb der Gemeinde Davos zu gewinnen. Die Zeit im Bewilligungsverfahren konnte jedoch auch dazu verwendet werden, das Projekt auf der technischen Seite weiter zu verbessern und zu optimieren.

Welche Erkenntnisse aus dem Bau des Kraftwerks am Jakobshorn konntet ihr für das Rinerhorn-Projekt nutzen?
Reto: Das Jakobshorn-Projekt war ein Pilotprojekt, das zusammen mit der Firma TechnoAlpin umgesetzt wurde. Die Gegebenheiten am Jakobshorn waren ideal, doch es war nicht immer klar, ob das Projekt auch an einem anderen Ort funktionieren würde. Deshalb waren auch diverse Abklärungen und Gutachten nötig.
Zusammenfassend waren die Erkenntnisse aber deutlich, dass mit einer Ergänzung des bestehenden Beschneiungssystems ohne enorme Zusatzkosten ein wichtiger Teil für die Gewinnung von nachhaltigem Strom für den Eigenverbrauch umgesetzt werden kann.
Ein Teil des Stroms wird ins Netz eingespeist. Wie nutzt ihr den Strom vor Ort in euren eigenen Anlagen?
Reto: Der Strom wird in erster Priorität für den Eigenverbrauch der Infrastruktur rund um den Betrieb der Bergbahnen Rinerhorn genutzt, um den Betrieb noch nachhaltiger zu machen. So wird der Strom zum Beispiel in Gebäuden wie Restaurants oder Berg- und Talstationen genutzt.
Der Zeitraum, in dem am meisten Strom produziert wird, und der, in dem am meisten verbraucht wird, fallen nicht notwendigerweise zusammen. Dementsprechend wird in zweiter Priorität das, was neben dem Eigenverbrauch übrig bleibt, ins Netz eingespeist.
Wie verändert sich die Rolle der Bergbahnen, wenn ihr plötzlich nicht nur Energie verbraucht, sondern auch produziert?
Martina: Unsere Rolle verändert sich nicht. Wir wollen mit Projekten im Bereich der Effizienz, Energie und Umwelt unseren Betrieb ökonomischer und nachhaltiger gestalten. Die Produktion von erneuerbarem Strom ist ein Teil vieler Maßnahmen.
Sind eure Wasserkraftwerke nur an speziell diesen Standorten möglich oder wären sie auch eine Option für andere Standorte – oder für andere Skigebiete?
Reto: Die Kleinwasserkraftwerke ergänzen die bereits bestehende Beschneiungsinfrastruktur sinnvoll, das Potenzial ist aber natürlich von den lokalen Gegebenheiten abhängig. Dementsprechend sind Projekte an weiteren Standorten innerhalb unserer Destination in Planung. Unsere Kleinwasserkraftwerke können sicherlich auch als Beispiel für andere Regionen dienen, die sich ebenfalls der nachhaltigen Energieproduktion widmen möchten.

Gibt es bei euch noch weitere Projekte in Sachen Energieeffizienz, Abfallwirtschaft, Recycling oder erneuerbaren Energien?
Martina: Zu unseren Projekten im Bereich Energie gehören nicht nur die Kleinwasserkraftwerke, sondern auch der Ausbau der Gewinnung von Strom aus Solarenergie. Mit unserem Solarenergie-Masterplan, dem Bau von Solaranlagen an bestehenden Gebäuden wie Restaurants und Liftstationen, möchten wir einen weiteren Teil zu einer Steigerung der Eigenproduktion bewirken.
Daneben haben wir noch über 100 andere Projekte im Bereich der Effizienzsteigerung und der Umwelt sowie Projekte in unseren Hotels und Resorts. Es sind nicht nur die großen Projekte, die wichtig sind, sondern auch die Veränderung von vielen kleineren Prozessen im täglichen Betrieb.
Nachhaltigkeit ist ein komplexes Thema. Wie schafft ihr es, eure Projekte für Gäste und die Öffentlichkeit verständlich und transparent zu kommunizieren?
Martina: Aus diesem Grund haben wir vor ein paar Jahren auch unsere Nachhaltigkeitsplattform erstellt. Darauf finden unsere Gäste alle wichtigen Informationen zu unseren Maßnahmen sowie auch zu aktuellen Projekten. Wir finden es wichtig, darüber zu sprechen und unsere Gäste zu informieren.
„Ich finde es sehr spannend, wie sich eine Branche und ein Unternehmen immer wieder weiterentwickeln können und neue Ansätze angestoßen werden.“
Wird das Thema aktiv in das touristische Erlebnis eingebunden, zum Beispiel bei Events oder in der direkten Kommunikation mit Gästen?
Martina: Ja, wir bieten auch Führungen und Blicke hinter die Kulisse zum Thema Nachhaltigkeit an. Das Angebot wird vor allem von Schulen und Firmen genutzt, die sich mit dem Thema beschäftigen. So kann man etwa am Jakobshorn das Kleinwasserkraftwerk besichtigen und mehr über das Projekt erfahren.
Dazu wird das Wasserkraftwerk Rinerhorn während der Betriebszeiten der Bahn für unsere Gäste frei zugänglich sein. Dabei wird die Funktionsweise des Kraftwerks mit interaktiven Elementen erklärt. Zudem wird auf einem Erlebnisweg am Rinerhorn das Thema Wasserkraft für Jung und Alt verständlich kommuniziert.
Und zuletzt: Was ist dein persönlicher Antrieb, dich so für die Nachhaltigkeit und Energiezukunft in den Bergen einzusetzen?
Martina: Ich finde es sehr spannend, wie sich eine Branche und ein Unternehmen immer wieder weiterentwickeln können und neue Ansätze angestoßen werden. Dies motiviert mich für den Bereich der Nachhaltigkeit und damit auch, mein eigenes Wissen und meine Erfahrungen täglich zu erweitern. Ich bin sehr gerne in den Bergen unterwegs und freue mich, wenn wir diese Landschaft noch sehr lange gemeinsam erleben dürfen.
Davos Klosters Bergbahnen beweist: Skitourismus und Nachhaltigkeit schließen sich nicht aus.
