Abenteuer, Heliskiing und große Lines: Die Freeride-World-Tour-Teilnehmer Sam Smoothy, Wille Lindberg und Jérémie Heitz erlebten 2015 im Vorfeld des Tourstopps von Haines einen unvergesslichen Roadtrip durch Kanada und Alaska. Sam Smoothy berichtet über die Suche nach Powder, versengte Schnurrbärte und den Anfang im Ende…

Sam Smoothy im SPine Paradise!
Sam Smoothy im SPine Paradise!

Das Wörterbuch „Merriam-Webster“ definiert Roadtrips als „lange Reise in einem Auto oder Lkw bzw. Trip einer Sportmannschaft zu einem oder mehreren Auswärtsspielen“. Diese Definition mag zutreffen, doch sie vernachlässigt die Gefühle, die der Aufbruch in die Wildnis auslöst. Es stehen Abenteuer bevor, die man sich nicht vorstellen kann, bis man mittendrin steckt. Sie werfen ihre Schatten voraus und wärmen das Herz des Reisenden. Manchmal genügt ein Telefonanruf, um einen in diesen Zustand der Vorfreude zu versetzen. Schon 24 Stunden nach dem Call bin ich unterwegs nach Vancouver, um meineFreeride-World-Tour-Kollegen Wille Lindberg und Jérémie Heitz zu treffen.

Ein einsamer AUdi auf weiter Flur.
Ein einsamer AUdi auf weiter Flur.

Unser Plan ist simpel: Auf dem Highway Richtung Norden steuern, Powder finden und das Freeride-Mekka am Ende der Welt entdecken, das sich Haines nennt. Danach wollen wir dort am ersten FWT-Tourstopp in Alaska teilnehmen. Leider spielt Mutter Natur nicht mit. Weite Teile Kanadas leiden unter Schneemangel. Daher verbringen wir die Tage mit langen Autofahrten auf der Suche nach Powder. Nach einer Woche finden wir ihn bei Skeena Cat Skiing tief in British Columbia. Wir sind meilenweit die einzigen Menschen. Hier gibt es keine Regeln, keine Ablenkung – nur uns, Snowcats und Motorschlitten, Hunde und Lagerfeuer. Ein Männerparadies. Jevon Zip, unser Gastgeber, hat uns seine schönsten Hänge freigehalten. Dankbar plündern wir seine Schätze. Wir shredden die kleinen Spines zu Fetzen, während wir den ganzen Nachmittag unsere Turns, Spins und Flips in die Hänge setzen. Endlich haben wir das gefunden, was man auf diesem heiligen Powder-Highway erwartet! Unser Gejohle hallt durch die Berge, während wir uns gegenseitig zu neuen Grenzen treiben – unser Wettkampfgeist ist erwacht. Die Jungs von Skeena ziehen uns immer wieder mit ihren Snowmobiles auf den Gipfel, bis wir nicht mehr können. Am Abend feiern wir an einem gewaltigen Lagerfeuer mit flambiertem Schnaps, an dem Wille sich den Schnurrbart versengt.

Jeremie Heitz heizt in AK.
Jeremie Heitz heizt in AK.

Weiter geht die Reise. Bei der nächsten Pinkelpause und einem Kaffee, der aus Dreck und Wasser zu bestehen scheint, beschließen wir, direkt in den Norden weiterzufahren. Kanada leidet unter seiner Schnee-Prohibition, und Alaska wartet auf uns. Wir rauschen zwei Tage und Nächte lang bis Haines durch und wechseln uns am Steuer ab, damit unser Audi-Konvoy nie zum Stehen kommt. Wir sind weit gekommen. Doch eigentlich scheint jetzt alles erst anzufangen. Die große Frage lautet: Ist Alaska wirklich so gewaltig und knallhart, wie alle sagen?

On the road to AK!
On the road to AK!

Aber – ungewöhnlich für Alaska – wir müssen nicht lange auf Action warten. Am Morgen nach unserer Ankunft geht es gleich los. Der Heli hebt ab. Wir überleben den ersten Tag, gewöhnen uns an das Sluff-Management und die blinde Fahrt in die Steilwände sowie die restlichen Variablen. Unser Team ist stark, verbunden durch die endlosen Stunden auf dem Highway. Für den zweiten Run am zweiten Flugtag nehme ich mir eine Line vor, die ich anfangs noch zu groß und exponiert fand. Aber jetzt bin ich bereit. Ich stehe allein am Gipfel. Als ich losfahre, weiß ich: Es gibt nur einen richtigen Weg diesen Hang hinunter – aber viele, viele falsche. Als ich wieder zu Atem komme, höre ich die Stimme unseres Guides Mark im Funkgerät. Die beste Line meines Lebens liegt hinter mir, und der Sluff rollt immer noch über die Felsen: „Smoothy, du Hurensohn! Ich dachte, das war dein erstes Mal!“ Das war meine erste richtig große Line in AK, doch, doch – aber nicht die letzte, ganz sicher nicht! Das berüchtigte Alaska-Schlechtwetter-Geduldspiel beginnt genau zum geplanten Beginn des FWT-Events.

Sam Smoothy catching some Airtime!!
Sam Smoothy catching some Airtime!!

Tagelanges Sitzen, Warten und Hoffen. Gerade als wir aufgegeben haben, geht es doch los. Mir gelingt eine flüssige Line, aber meine Aggressivität ist dahin. Ich werde Vierter. Wille und Jérémie wiederholen meinen Fehler nicht, erzielen aber unterschiedliche Ergebnisse. Wille bricht mir das Herz, als er auf dem Weg zum Sieg unglücklich über ein großes Cliff stürzt. Jérémie hat es wie immer eilig und rast das Face ohne das geringste Zögern hinunter, als wäre es ein Super G. Er ist unser Champion, der Beste der „Boys from the Road“, und erreicht den zweiten Platz. Unser Trip ist vorbei, aber ich verlasse Haines nur widerwillig. Ich trage Alaska jetzt in mir. Sie ist wie ein Virus, der mich anbettelt, mein Haus zu verkaufen und hierzubleiben. Aber ich weiß: Dies ist nicht das Ende, sondern der Anfang des Rests meines Lebens. Alaska erfüllt alle Klischees, die man sich vorstellt, und viele mehr. Ich kann es nicht erwarten, wieder mit ihr zu tanzen. Ich hoffe, dass meine Brüder von der Straße dann wieder dabei sind – irgendwie aus der Zeit gefallen, aber immer hochkonzentriert.

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