LEISE TÜRMEN sich vor der Talstation in La Grave dicke, nasse Schneeflocken aufeinander. Die große, gelbe Antriebsscheibe steht noch still und selbst das kleinste Geräusch der knarzenden Maschinen wird vom fallenden Schnee verschluckt. Die fünf verschiedenfarbigen Gondeln der Télépherique hängen bewegungslos am Drahtseil und bilden einen starken Kontrast zur umliegenden Winterlandschaft. Auch die 400 PS-Maschine unter der Station steht still – und wartet auf den kommenden Tag. So beginnt seit fast 40 Jahren jeder Wintermorgen in La Grave.

Diese Harmonie wurde nur im letzten Frühjahr gestört, als die Zufahrtsstraße zu dem kleinen Bergdorf durch einen überraschenden Erdrutsch blockiert wurde.

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Das Word “mythisch” wird oft verwendet, wenn von La Grave die Rede ist, aber in diesem Fall ist es wirklich berechtigt. Es ist nicht übertrieben, diesen Ort als einmalig zu beschreiben. Morgens, wenn das Liftpersonal die Kabinenbahn anschmeißt, spürt man die mit einer Mischung aus Gelassenheit und Aufregung aufgeladene Atmosphäre. Kein Wunder, denn nach einer 40-minütigen, 1.750 Höhenmeter langen Auffahrt werden die Rider von einer gewaltigen, wilden Bergwelt begrüßt – ohne eine einzige Pistenraupe.

1829_lagrave_feature_1920x750In diesem unberührten Gelände gibt es keine mit Sprengstoff gesicherten Hänge. Keine Pistenpatrolleure checken die Abfahrten. Alles ist riesig und wild, völlig naturbelassen und atemberaubend schön. Alle fahren hier auf eigene Verantwortung – wo immer sie wollen und ohne, dass sich jemand einmischt. Die Kabinenbahn ist nur für den Transport zuständig und die Liftgesellschaft übernimmt keine Haftung, nachdem ein Passagier die Gondel verlassen hat.

In fast jedem Skigebiet wurde der Berg umgebaut und verändert, um perfekte Bedingungen für die Skifahrer zu schaffen. In La Grave ist es genau anders herum: Hier bestimmt der Berg.

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DIE TÉLÉPHÉRIQUE DES GLACIERS DE LA MEIJE wurde 1976 gebaut und von M. Creissel designt. Eine Fahrt mit der Téléphérique ist wie ein Spaziergang durch ein Kulturmuseum. Die alten Kabinen wurden seit 1976 nicht verändert und sie bringen Farbe in die winterliche Bergwelt: Sechs Gruppen mit je fünf Gondeln malen gelbe, orange und rote Punkte auf den weißen Hintergrund. Die Talstation selbst ist einfach – eben wie vor 40 Jahren, als sie gebaut wurde. “Die Bahn kann bleiben wir sie ist, “ sagt Regis Jouffrey, ein langjähriger und passionierter Angestellter der Téléphérique, „Wenn wir sie weiterhin in einem so guten Zustand halten, kann sie so alt werden wie der Eiffelturm.“

4677_lagrave_feature_800x400Die Téléphérique ist das Rückgrat von La Grave. Sie ist es, die den Ort lebendig hält und den Leuten für ein paar Monate im Jahr ein Einkommen sichert. Jeden Tag arbeitet irgendjemand an den Seilen, an einer Gondel oder an sonst einer Sache. Die Instandhaltung der Kabinenbahn ist eine fixe Größe in La Grave – ständig herrscht hier Aktivität und Betriebsamkeit. Die meisten der 15 Mitarbeiter sind Einheimische, die schon seit 15 oder 30 Jahren für die Kabinenbahn arbeiten. Für sie ist die Téléphérique wie ein Familienunternehmen – sie kümmern sich um die Maschine, als wäre es ihr eigenes Fleisch und Blut.

 

“Das Team kennt die Maschine in- und auswendig. Die meisten Mitarbeiter arbeiten schon seit 30 Jahren hier und haben jeden Atemzug der Bahn miterlebt“, erklärt David Le Guen, Kaufmännischer Leiter der Bahn, „Sie kennen das Geräusch, die Bewegung und sie wissen sofort, wenn etwas nicht stimmt. Wir alle lernen und entwickeln und mit unserer Téléphérique. Diese Seilbahn ist unser Baby.”

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VON DER BERGSTATION der Téléphérique erscheint La Grave wie ein kleiner, weit unten liegender Fleck. Das aus dem 12. Jahrhundert stammende Dorf ist klein geblieben: Es gibt keine Nachtclubs und wenig Lichtreklame, aber wie in jedem kleinen, französischen Dorf findet man überall Straßencafés, Restaurants und Bars – allerdings völlig untouristisch. La Grave lebt sein eigenes Leben und wer den Ort besucht muss sich – genauso wie bei der Nutzung der Seilbahn und beim Skifahren am Berg – den Gegebenheiten anpassen.

Seit letztem Frühjahr hängt jedoch eine bedrohliche Wolke über La Grave. Am 10. April dieses Jahres geriet das Dorf in eine Reihe von Komplikationen. Ohne Vorwarnung wurde der Zugang zum Ort plötzlich abgeschnitten, als die einzige Straße, die von Grenoble aus hinaufführt unpassierbar wurde. Katastrophale Erdrutsche und Felsstürze zerstörten den oberhalb der Chambon Staumauer gelegenen Chambon Tunnel und niemand weiß, wann die Straße RD 1091 wieder öffnen wird. La Grave – jetzt nur noch von Briançon aus erreichbar – hat sich in eine von der Außenwelt und einer lebendigen Durchgangstraße abgeschnittene Sackgasse verwandelt.

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DIE SITUATION IST SCHRECKLICH. Viele Leute arbeiten auf der anderen Seite der gesperrten Straße und Schulkinder können ihre Schule nicht mehr besuchen. Wegen der Steinschlaggefahr ist zur Zeit kein Boottransfer über den Stausee möglich, weshalb ein temporärer, sehr wetterabhängiger Helikoptershuttle eingerichtet wurde. Die einzige andere Möglichkeit, wäre eine 40-minütige Wanderung über einen steilen Bergpfad. Die Einkünfte des Gewerbes in La Grave sind in den Keller gesunken.

Der französische Premier Minister Manuel Valls besuchte das Gebiet im Juli, erklärte den Bergrutsch zur Naturkatastrophe und bewilligte den verzweifelten Dorfbewohnern eine dringend benötigte Finanzspritze. Der neue Tunnel muss tiefer in den Berg gebaut werden – dorthin wo das Gestein stabiler ist. Für die Bauzeit wurden fast zwei Jahre veranschlagt.

Zur Überbrückung dieser Zeit wird eine temporäre, einspurige Straße auf der anderen Seite des Stausees gebaut, die ab November 2015 befahrbar sein soll. Damit soll der für La Grave so wichtige Wintertourismus aus Richtung Grenoble und Lyon ermöglicht werden. Die Hänge sind allerdings sehr steil und die Lawinengefahr ist ein Problem. Es ist noch immer unklar, wie oft die neue Einbahnstraße genutzt werden kann, wenn der Winter kommt. Für La Grave ist es jedoch essenziell, dass der Verkehr dort reibungslos funktioniert.

1313_lagrave_feature_1920x750Zusätzlich zu diesen Schwierigkeiten läuft der Pachtvertrag für die Téléphérique in weniger als zwei Jahren aus – ein Problem, das aufgrund der Straßensperrung in den Hintergrund gedrängt wurde. Bis heute weiß niemand, wer den Liftbetrieb übernimmt und was mit der alten Kabinenbahn passieren wird. Und niemand ist sicher, wann – oder ob überhaupt – sich die Dinge in La Grave wieder normalisieren.

WAS AUCH IMMER mit der Straße oder dem Pachtvertrag passieren wird, es könnte sein, dass die nächsten beiden Saisons in La Grave so werden wie die epischen Winter Anfang der 90er, als die Hänge noch Tage nach dem letzten Schneefall unverspurt in der Sonne glitzerten. Es könnte ein sensationeller Winter für passionierte Skifahrer werden, die eine längere Anfahrt in Kauf nehmen, um eines der wunderbarsten Skigebiete dieser Erde zu besuchen. Der Umweg wird sich mit Sicherheit lohnen und jeder leidenschaftliche Skifahrer, der nach La Grave kommt wird dem Ort helfen zu überleben.

1754_lagrave_feature_1920x750Trotzdem gibt es Hoffnung für die Einwohner von La Grave und die Skifahrer, die den einzigartigen Spirit des Ortes erlebt haben. Wir glauben daran, dass La Grave seine besondere Atmosphäre behalten wird – noch lange nachdem die Straße wieder geöffnet und ein neuer Liftbetreiber gefunden ist. Idealerweise steht die Seilbahn auch in Zukunft nur an den ruhigen Morgen still – und bringt später, wenn der Tag beginnt, weiterhin passionierte Skifahrer auf den Berg. Skifahrer, für die La Grave das Tor zum Paradies bedeutet. Aber dazu braucht es mehr als nur Hoffnung: Es wird harte Arbeit notwendig sein, ein bisschen Glück und – vor allem – ein geeigneter Liftbetreiber, der das seltene und kostbare Juwel erhält, das La Grave darstellt.

Words: Josefine Ås
Photography: Mattias Fredriksson
Videography: Spindle

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