Die Schizophrenie des Alltags

Text: Harald Juen

Kleine Wassertropfen suchen sich ihren Weg über die Autoscheiben. Die Scheinwerfer strahlen in die Dunkelheit der Nacht. Nasse Laubblätter liegen auf dem schwarz gefärbten Asphalt. Das Taxizeichen leuchtet gelb auf dem weißen VW-Busdach. Mein Kopf lehnt regungslos an dem kühlen Fensterglas. Ich spüre jede kleine Unebenheit der Straße an meiner Stirn, doch es ist mir egal. Der Alkoholpegel in meinem Blut ist höher als gewöhnlich und meine müden und rot gefärbten Augen fixieren ein schwarzes Zigarettenloch in der Nackenstütze des Taxifahrers.

– Noch ein paar Stunden zuvor wurde viel gelacht und noch mehr getrunken. Eine Gruppe von fröhlichen Leuten feierte ein Wiedersehen. Ja, genau… ich war auf meinem Klassentreffen. Gesichter aus alten Tagen standen vor mir. Sie erzählten von ihren Familien, ihren Kindern, von ihrem Beruf, ihren Autos. Es waren die selben Gesichter wie damals und die selben Charaktere, aber im Grunde waren sie in meinen Augen neue Menschen. –.

Es war fast so, als ob all meine Freunde von der Krankheit namens „Jugend“ geheilt worden wären.

Eine rote Ampel bremst plötzlich unser Taxi doch meine Gedanken und mein Kopf drehen sich weiter und weiter. „Ist mein Leben stehen geblieben?“ – „Lebe ich ein zu freies Leben?“ – „Was ist aus meinen alten Ski-Dudes geworden?“ … solche Fragen ziehen nun unter meiner Schädeldecke ihre Kreise. Es war fast so, als ob all meine Freunde von der Krankheit namens „Jugend“ geheilt worden wären. Es fiel kein Wort über Hobbies oder Freizeit. Jeder gliederte seine Worte zu den aktuellen Themen um sich der Masse zu integrieren, aber was steckte hinter den Gesichtern? Welche Leidenschaften? Ein zweites Leben hinter der Fassade?… Ich bezeichne es als „Die Schizophrenie des Alltags.“

Wann ist der Moment gekommen, in dem sich das Thema Kinderwunsch mit einem positiven Gefühl in unseren Köpfen breit macht?

Die folgenden Zeilen erzählen von meinem „schizophrenen“ Leben, die Parallelen der beiden Welten und der kleinste gemeinsame Nenner unserer Leidenschaft… dem Freeskiing. Fast jeder von uns rüstet sich mit Wissen und Fertigkeiten um sich die erwünschte Zukunft zu sichern, aber sobald wir auf unseren Brettern stehen, den Sessellift mit unseren Ski-Buddy´s teilen, vergessen wir das zweite Gesicht unseres Alltages. Aber wann kommt der Punkt, an dem wir bei den 20:00Uhr Nachrichten im Fernsehen nicht mehr weiter durch die Programme zappen? Wann ist der Moment gekommen, in dem sich das Thema Kinderwunsch mit einem positiven Gefühl in unseren Köpfen breit macht? Was für Erfahrungen und Tätigkeiten können wir aus dem Skibusiness in das „reale“ Leben übernehmen?

Ich gehe nun schon mit großen Schritten der magischen 30 entgegen und konnte schon sehr oft beobachten, wie jung gebliebene, fanatische Freeskier dem Sport ihren Rücken zugewandt haben. Hat das Freeskiing ihr Leben trotzdem beeinflusst? Ich sage: JA!! Viele Talente kommen erst durch einen Antrieb oder eine Leidenschaft zum Vorschein. Unser Sport besteht nicht nur aus reinem Schifahren… hinter den Kulissen versteckt sich eine Vielzahl von Tätigkeiten. Wer sitzt Nächte lang am PC und bastelt an verschiedenen Edits? Wer schwingt den Bleistift und gestaltet das neue Crew-Logo? Wer versorgt die Crew-Homepage / Facebookseite mit aktuellen Fotos? Wer bedruckt die neuen Crew-Tshirts? Wer schraubt im Garten seiner Eltern an Rails für das neue Summer-Set-up? Und wer versucht sich als Team-Manager einer kleinen, lokalen Brand? In solchen Beschäftigungen liegt der Grundstein einer beruflichen Karriere. Sei es Graphikdesigner, Manager einer großen Firma, Webdesigner, Filmproduzent oder Tischler. Im meinem Fall, führte mich die Freiheit und die Kreativität des Freeskiing´s in die Welt der Formen und des Designs.

Meine beiden Welten in denen ich mich mit voller Leidenschaft und Hingabe bewege, könnten nicht unterschiedlicher sein. In meinem beruflichen Leben weiß so gut wie niemand über mein Herzblut -dem Freeskiing- bescheid und nur wenige meiner Ski-Homies kennen meine berufliche Laufbahn. Die Einen kennen mich nur mit klassischem Hemd, Anzughose und einem MacBook unter dem Arm und die Anderen erkennen mich nur an meinem breiten Grinsen das ich beim Schifahren trage. 5 Sterne Hotels, Gala-Abende und Messen von Mailand bis Düsseldorf gehören genauso zu meinem Leben wie „im Auto pennen“, Skigebiet-Openings und Wurstsemmel mit Bier-Frühstück am Zeltplatz. Ich liebe beide Welten und die Eine könnte ohne der Anderen sicherlich nicht existieren.

Es gibt aber auch Personen, die ihre Schizophrenie überstehen und nur noch in einer Welt (über)leben. Sie haben ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht, verdienen damit ihr Geld und leben das Leben als Freeskier. Leider ist dieses Schicksal nur für eine kleine Menge von außergewöhnlichen Talenten bestimmt. Daher entscheiden sich die meisten für ein Leben in dem das beruflich-schizophrene-Gesicht überwiegt und die Zukunft für Frau, Kind und Haustier gesichert ist. Das Freeski-Business ist einfach zu klein um die Grundmauern seiner Zukunft darauf zu bauen. Auch in diesem Fall gibt es Ausnahmen, aber leider bestimmt die Ausnahme nicht die Regel.

Das soll nicht bedeuten, dass der Rest der Menschheit aus lauter Schoßhündchen besteht.

Man darf aber auch diejenigen nicht vergessen, die beruflich so nah an ihrer Leidenschaft hängen, dass sie als Freeride-Guide, Skilehrer, Sportverkäufer oder Shaper ihr ewig jung gebliebenes Skier-Herz ein Leben lang am rechten Fleck tragen werden und damit über die Runden kommen. Um diesen Schlag von Menschen zu beschreiben, wäre es vielleicht hilfreich, sie mit einem Wesen aus der Tierwelt zu vergleichen. Ein Husky überlebt sicherlich mit einer gut portionierten Mahlzeit am Tag und 2-3 Stunden Auslauf, aber ist er damit auch glücklich? Er braucht die Natur, den Geruch der frischen Tannenzapfen und eine gewisse Freiheit um sein Innerstes zu befriedigen. Sein Durst nach Bewegung scheint unlöschbar zu sein. Das soll jetzt nicht bedeuten, dass der Rest der Menschheit aus lauter Schoßhündchen besteht, aber einige Personen sind mit Mutter Natur einfach mehr verwandt als manch anderer.

Trotz der Energie die der Sport, unsere Leidenschaft und die Natur uns schenken, dürfen wir nicht vergessen, dass unsere Körper nicht jünger werden. Vor einigen Jahren war es noch kein Problem nach einer betrunkenen Nacht und max. 3 Stunden Schlaf schon früh morgens im Park zu stehen und seine härtesten Tricks am laufenden Band zu zeigen. Aber das Alter zwingt einem förmlich dazu, regelmäßig Ausgleichssport zu treiben, um nach einem ausgiebigen Tag im Park nicht mit zwei Eisbeutel auf den Knie im Bett zu enden. In jungen Jahren setzte man sich nach dem Schifahren noch an den PC, schrieb unzählige Sponsor-Bewerbungen und machte sich anschließend bereit für die nächste Partynacht.

Für jeden von uns kommt einmal der Punkt, an dem wir unsere Prioritäten neu ordnen müssen. Das heißt nicht, dass wir etwas aufgeben oder zurück lassen, sondern dass wir auf dem Weg des Lebens neue Ebenen betreten und uns mit neuen Erfahrungen bereichern. Alles was wir auf diesem Weg schon erlebt haben, rüstet uns für neue Aufgaben. Daher freuen wir uns doch alt zu werden und mit jungen Herzen das Leben zu genießen!

Im Herzen auf ewig ein Freeskier!

Harald Juen