DREW HARDESTY GREIFT NACH SEINEN SKI hinten auf dem Pickup. Sein Gesicht leuchtet im Anbruch der Morgendämmerung und aus dieser Perspektive und mit seinem bärtigen Anblick strahlt er Weisheit aus. Er ist schnell und effizient. Seine Bewegungen verraten, dass er diesen Ablauf verinnerlicht hat. Ski, Stöcke, Rucksack. Ein kurzer Check. Drew sieht sich auf dem Parkplatz um, der sich an diesem frühen Morgen langsam mit Autos füllt, und geht zum Ausgangspunkt, wo er in seine Bindungen steigt. Klick. Klick.Das sanfte, rhythmische schschschsch seiner Ski wird gelegentlich unterbrochen, wenn Drew stehen bleibt, um den Schnee zu untersuchen. Mit seiner wohlklingenden Stimme kommentiert er leise, was er macht, und seine leisen Töne unterstreichen die Morgenstimmung. Mit einer Geste in Richtung Berge überlegt er, welche Bedingungen er wohl weiter oben vorfinden wird. Weiter geht’s. Wenn man Drew beim Aufstieg beobachtet, könnte man meinen, er sei in der Ebene unterwegs, so zügig und präzise sind seine Schritte. Oben auf dem Toledo Bowl angekommen, noch bevor die Sonne vollständig aufgegangen ist, zeigt er hinüber zum Mount Superior. Eine Heli-Gruppe ist dort gelandet und ein einzelner Skifahrer zieht seine Schwünge durch unberührtes Gelände.

Trotz der morgendlichen Ruhe ist Drew nicht allein in den Bergen. Niemand ist das, und die Präsenz der Skifahrer unterstreicht diese Realität mit Nachdruck. Drew weiss, vielleicht besser als sonst jemand, dass wir alle ein gemeinsames Risiko im Backcountry eingehen, bewusst oder unbewusst. Während der Skifahrer drüben auf dem Superior weiterfährt, kann Drew nicht wissen, ob er sich während der Saison über die Schneebeschaffenheit informiert hat, ob er weiss, dass über ihm oder unter ihm noch andere Skifahrer unterwegs sind, oder ob er überhaupt sein LVS-Gerät eingeschaltet hat.

Während Drew dem Skifahrer bei der Abfahrt zusieht, verziehen sich die tiefen Lachfalten rund um seine blauen Augen zu einem Lächeln, dem er nachgibt, denn tief in seinem Herzen liebt er die Berge und das Skifahren. Es ist die Liebe zu diesen Bergen, die Drew dazu gebracht haben, einen Verhaltenskodex für Menschen im Backcountry zu entwickeln und diesen zu verfechten. Da die Zahl der Menschen im Backcountry jedes Jahr rapide zunimmt, steigt auch das Risiko. Und Drew weiss, dass wir am Rande eines Abgrunds stehen. In seinen Augen ist es für die Zukunft des Backcountry unerlässlich, klare Regeln festzulegen. Und somit hängt nicht nur sein Lebensunterhalt, sondern auch sein Leben davon ab.

ALS DREW ZUM ERSTEN MAL auf Skiern stand, lebte er in Kentucky. „Ich bin überrascht, dass ich mir nicht beide Beine gebrochen habe“, erinnert er sich. Die Stöcke waren die seines Vaters im College, und an dem Tag wechselten sich Vater und Sohn ab, das Pferd der Familie zu reiten, während dieses den anderen hinter sich her zog. „Damals wussten wir nicht, dass das als Skikjöring bezeichnet wird. Wir hatten einfach nur unseren Spass damit.“

Drew verliebte sich nicht gleich an diesem Tag in Kentucky in das Skifahren. Erst im College entdeckte er seine Leidenschaft für diesen Sport und für die Berge. Heute lebt Drew sein Leben im Einklang mit dem Schnee, dem er folgt, sobald es im Herbst zu schneien beginnt, dann den ganzen Winter über bis in den Frühling hinein, wenn er wieder schmilzt. Den Sommer verbringt er in den Bergen von Wyoming, wo er als Jenny Lake Climbing Ranger arbeitet. Jeden Winter kehrt er in die Wasatch Mountains in Utah zurück, wo er im Utah Avalanche Center, einem der ersten Lawinenwarndienste Nordamerikas, als Lawinenforscher arbeitet. Drew ist mit seinen beiden Jobs extrem verbunden und ist es ein Lebensstil, den er niemals aufgeben möchte. „Diese Art und Weise, in und mit den Bergen zu leben, das bin ich. Ich kann mir kein anderes Leben vorstellen, ohne das ganze Jahr über in den Bergen zu sein.“

Aber seine Arbeit bedeutet nicht nur Tiefschneeabfahrten und tolle Landschaften. „Du darfst keinen Fehler machen.“, sagt Drew. „Meine Arbeit ist gefährlich.“ Lawinenforscher sind täglich unterwegs, ganz gleich welche Bedingungen vorherrschen. „Das Ziel ist es jedes Mal, wohlbehalten zum Auto und am Ende des Tages zu meiner Familie zurückzukehren.“

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DREWS HAUS IST BEQUEM UND BESCHEIDEN, ein zweistöckiger Bungalow, ein wenig abseits der Strasse. Gleich nach dem Eingang werden Besucher von einer wandhohen Karte von Alaska begrüsst, ein Ort, der Drew sehr am Herzen liegt und an dem seine Karriere als Lawinenforscher begann. Von den Fenstern aus kann man die Wasatch Mountains sehen. Am Kühlschrank und den Wänden hängen die Zeichen eines Familienmenschen – Schnappschüsse von Drew und seinem Sohn Wyatt von einer Bootsfahrt am Green River, verblichenes Kindergekritzel aus Vorschulzeiten, die Einladung zu einem Fussballspiel. Wyatt ist ein Einzelkind. Nun ist er 13, ein spannendes Alter.

„Kindererziehung beinhaltet für mich schmutzige Fingernägel und aufgeschlagene Knie. Erlebnispädagogik halt“, sagt Drew. „Ich habe Wyatt ans Wasser, in die Wüste und in die Berge mitgenommen, um all die Dinge zu erfahren, die es dort zu lernen gibt. Manchmal sind diese Dinge nicht sofort sichtbar. Aber sie betten sich in deine Seele ein.“

Als Wyatt gerade 2 Jahre alt war, schnallte ihm Drew ein paar Rossignol-Ski unter die kleinen Schneestiefel. Zuerst gingen sie, später rutschten sie langsam über die Piste in Alta, nur einen Katzensprung von den wilden Gipfeln entfernt, die Drew im Winter patrouilliert. Die beiden legten nicht wenige Pausen ein, um heisse Schokolade zu trinken. Heute ist das Risiko höher.

Während die Zahl der Menschen im Backcountry immer weiter ansteigt, kommt es auch häufiger zu Unfällen und Todesfällen. „Wir sind nicht mehr allein im Backcountry.“, sagt Drew. „Wir teilen diese Leidenschaft mit allen anderen Menschen, die es in die Berge zieht. Somit hat jeder Fehler, den einer von uns macht, eine beträchtliche Auswirkung auf die gesamte Gemeinschaft.“

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UM DEM TREND VERMEHRTER UNFÄLLE ENTGEGENZUWIRKEN verwendet Drew seine Energie, um einen Verhaltenskodex für Menschen im Backcountry einzuführen. Dieser Code stützt sich auf drei Grundlagen – Wissen, Bewusstsein und Weitblick. Drew ist der Meinung, dass Menschen im Backcountry die aktuellen Lawinenbedingungen kennen und in der Lage sein müssen, sich selbst zu retten. Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass andere Gruppen oder Einzelpersonen im Backcountry unterwegs sind, dass sich Skifahrer über ihnen befinden, Schneeschuhgeher unter ihnen, und dass sich viele Autos auf der Strasse befinden, die durch die Berge führt. Zu guter Letzt und vielleicht am wichtigsten ist es, dass Menschen im Backcountry über den notwendigen Weitblick verfügen, um einschätzen zu können, ob sie andere Personen gefährden oder nicht.„Wenn wir nichts unternehmen, um den Trend der immer häufigeren Unfälle aufzuhalten, wenn zum Beispiel ein Skifahrer eine Lawine auslöst, die über die Strasse weiter unten hinwegfegt und einen Schulbus voller Kinder mitreisst, wenn wir nichts tun, womit wollen wir das rechtfertigen?“

MEISTENS, AM ENDE BEINAHE ALLER ARBEITSTAGE ALS LAWINENFORSCHER, fährt Drew über Big Cottonwood zurück zu seinem Auto und seiner Familie ab. „Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich mein Leben mit einer Sache verbinden konnte, von der ich denke, dass sie der Gemeinschaft der Menschen in den Bergen etwas geben kann“, sagt er.

Er weiss, dass seine Arbeit die Menschen nur informieren kann, und dass deren Entscheidungen letztlich aufgrund eines Bauchgefühls und nicht aufgrund von Logik fallen. Menschen, die eine andere Risikostufe für akzeptabel halten, als er. Mit seinem Bericht kann er diese Menschen nicht kontrollieren. Trotzdem lohnt es sich für ihn.

Words: Shey Kiester
Photography: Mattias Fredriksson
Videography: Spindle

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„Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich mein Leben mit einer Sache verbinden konnte, von der ich denke, dass sie der Gemeinschaft der Menschen in den Bergen etwas geben kann“